Der Titel läßt es bereits ahnen, das Leben mit Kindern besteht nicht nur aus Sonnenschein und fröhlichen Stunden, es gibt auch durchaus ernstere Themen, denen man sich nicht immer entziehen kann. Ab und zu, denke ich, kann so etwas auch den Lesern hier zugemutet werden. Sonst entsteht am Ende ein ganz falscher Bilderbucheindruck vom Familienleben, wie es niemals war und niemals sein kann. Fangen wir dezent mit dem Hinweis an, daß Kleinkinder nicht nur durch lustige Einfälle verhaltensauffällig werden. Nein, manchmal würde man das, was sie umtreibt, bei Erwachsenen sofort als therapiebedürftig benennen und ohne zu zögern einen namhaften Experten empfehlen. Sohn I zum Beispiel hat gerade einen ausgeprägten Farbwahn und bewertet seine Umwelt sehr streng und konsequent nach ihrer Buntheit. Lila kommt dabei am besten weg, was lilafarben ist, das kann nicht ganz schlecht sein – und nicht nur das! – nein, es ist sogar so: Was lilafarben ist, das muß gut sein. So ein Spleen läßt sich gerade in diesem Jahr modisch noch halbwegs umsetzen, bei der Wahl der Bücher wird es schon etwas schwieriger, bei Plastikspielzeug fast unlösbar und bei der Ernährung stand er mehrere Tage vor einem ziemlich ernsten Problem. Bis er den Heringssalat entdeckte, ein Lebensmittel, bei dem man nicht sofort vermutet, daß es Kleinkindern überhaupt schmecken könnte. Sohn I aber sah die Packung im Kühlschrank, machte den Deckel auf, sah die Farbe und sagte „schmeckt gut“. Ohne zu probieren oder auch nur daran zu riechen. Seit fünf Tagen schon lebt er jetzt hauptsächlich von Heringssalat, wir haben ein glückliches Kind am Tisch und warten geduldig auf den Tag, an dem sich die Ernährung auf seinen Teint oder seine Haarfarbe auswirken wird.

Mit einem solchen Spleen könnte man vielleicht noch leben und hoffen, daß es sich in wenigen Wochen wieder von selbst geben könnte, alles nur eine Phase, aber das Thema birgt leider noch weitere Abgründe. Beim Fußball zum Beispiel entscheidet er bei jedem Spiel spontan nach der Trikotfarbe für wen er ist, eine Haltung, die er um keinen Preis aufzugeben bereit ist. Deutschland hat dabei, soviel ist bei schwarzweißen oder sogar ganz schwarzen Trikots klar, nicht die leiseste Chance. Damit könnte man abseits der Public-Viewing-Plätze noch  leben, wenn nicht ausgerechnet Orange eine Farbe seines Geschmacks wäre. So kam es, daß gestern auf unserem Sofa ein fast Dreijähriger von meinem eigen Fleisch und Blut saß, der während der ganzen regulären Spielzeit „Holland vor, noch ein Tor“ vor sich hin sang. Das ist weiß Gott eine bitte Erfahrung, wenn man aus heiterem Himmel feststellen muß, daß der Nachwuchs vollkommen aus der Art schlägt und man daher notgedrungen mit der Herzdame ausgerechnet am heißesten Abend des Jahres über die Zeugung weiterer Kinder verhandeln muß, um die Anzahl der womöglich brauchbaren Söhne zu erhöhen. Ich habe Sohn I auf Enterbung, Verstoßung, Fernsehentzug, Zwangsanmeldung beim HSV und weitere üble Folgen seines katastrophalen Verhaltens hingewiesen. Ich habe ihn darüber aufgeklärt, daß man sich als Kind in seinen Familienverbund einfügen muß und daß es andererseits schnell sehr einsam um einen kleinen Jungen werden könnte, wenn er sich den Grundüberzeugungen des Rudels weiterhin widersetzen würde. Er sah mich grinsend an und sagte „Holland vor!“. Ich sagte ihm, daß Fußball mir selbstverständlich emotional vollkommen egal sei, jedes Land könne die WM gewinnen, da stünde ich natürlich drüber, meinetwegen könne der  Vatikan Weltmeister werden, jedes Land, wirklich jedes – nur eben nicht Holland. Jeder Mensch meines Alters und ähnlicher WM-Zuschauergeschichte aus deutscher Perspektive wird das zwingend verstehen. Nicht so der Sohn. Er sah auf den Fernseher und sagte: „Gleich Tor. Für Holland.“  Dann schlief er ein und vermied so eine weitere Eskalation, man mag gar nicht daran denken, wie der Abend sonst geendet hätte.

„Los“, sagte ich zur Herzdame, „wir gehen rüber ins Schlafzimmer und machen einen Neuen.“  Aber die Herzdame war während der Siegerehrung eingeschlafen. Ihre Hand lag auf dem Kopf von Sohn I, unbewußt streichelte sie sein Haar. Mütter halten zu ihren Kindern, auch wenn diese Drogen nehmen, Schwerverbrecher werden oder für die falschen Länder sind. Sohn II saß zwischen den beiden und sah mich strahlend an. Er winkte mir fröhlich zu und hob beide Arme, als wollte er hochgehoben werden. „Ja“, sagte ich mißtrauisch, „so hat der andere auch angefangen. Erst einen auf lieben Sohn machen, dann für Holland sein. Das kenne ich jetzt.“

Ich streichelte zögernd seinen Kopf und sah ihn nachdenklich an. In zwei Jahren ist EM, dann ist er auch fast drei Jahre alt. Man wird sehen.


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