Wir saßen beim Portugiesen und frühstückten, als sich ein junger Mann an den Nebentisch setzte. Gutaussehend, gepflegt gekleidet, ein wenig zu förmlich für einen entspannten Sonnabendmorgen vielleicht. Cordsakko, Weste darunter, Oberhemd, Krawatte. Er holte eine Bibel im abgegriffenen Ledereinband aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch, daneben legte er einen ziemlich großen Taschenrechner. Blätterte ein wenig in der Bibel, tippte dann ein paar Zahlen. Bestellte sich einen Milchkaffee, riß das Zuckerpäckchen auf und schüttete den Inhalt sinnend auf die Milchschaumkuppel über dem Kaffee. Beobachtete mit grübelndem Blick, wie der Zucker langsam einsank und unterging, er hatte jetzt die Augen weit aufgerissen und sah seltsam leidend aus, als würde er mit jedem Zuckerkrümel eine verlorenen Seele in einen höllischen Abgrund verschwinden sehen, unwiederbringlich. Er legte die Fingerspitzen zusammen, vielleicht im Gebet, vielleicht nur konzentriert. Na, dachte ich, wenn der mal nicht soeben den Bibelcode geknackt hat und dabei den Weltuntergang errechnet hat. Zumindest guckt er so. Und wenn das hier eine Filmanfangssequenz wäre, dann würde man jetzt garantiert Musik hören, in der man irgendwie gregorianische Gesänge verwurstet hätte und es würde ein ziemlich unheimlicher Film werden.

„Das Ende ist nah“, sagte ich im Verschwörertonfall flüsternd zur Herzdame, die den Scherz aber leider nicht verstehen konnte, weil sie mit dem Rücken zu dem Priester – oder was immer er war – saß. Nein, sagt die Herzdame energisch und leicht gereizt, das Ende sei nicht nah und ich möge doch bitte mit der ewigen Hektik aufhören, sie müsse jetzt erst noch ihren Kaffee in Ruhe austrinken und überhaupt würde ich ihr auf die Nerven gehen und zwar schwer, schon dieses geschwollene Deutsch immer, es sei manchmal wirklich nicht einfach mit mir.

Nun ja. Das Leben ist kein Mystery Thriller.


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