Extremsituation

Elfundneunzigtausend Einzelteile. Mehr Schrauben als in unseren sämtlichen Ikearegalen zusammen. Eine Aufbauanleitung die aussieht, als solle man mal eben die Schaltzentrale eines Atomkraftwerks zusammenlöten. Nächtliche Arbeitsstunden, damit die Kinder nicht merken, was hier vorbereitet wird. Zwei entnervte Erwachsene, die sich nicht einmal anbrüllen dürfen, wie es angesichts der Lage doch vollkommen angemessen und normal wäre, aber die Kleinen könnten ja wach werden.

Ich sage der Herzdame, daß ich ins Bett möchte, die Herzdame sagt, ich solle still sein und die Teile B12 und C26 in einem rechten Winkel zueinander halten, damit sie endlich die Stangen E3 und E4 daran montieren könne. Ich sage ihr, daß das gar keinen Sinn habe, solange sie nicht 4 Schrauben der Gruppe A finden und bereithalten würde, sie fragt, wo eigentlich die Schrauben seien. Die Schrauben liegen außerhalb unserer Reichweite, einer von uns beiden wird seine mühsam zusammengesteckten Teile wieder hinlegen müssen. Wir starren uns schweigend an und umklammern verbissen, was wir schon sinnig zusammengefügt haben. Minuten vergehen. Nebenan stöhnt ein Kind im Schlaf und bewegt sich, wir lassen  hektisch alles los, springen zur Tür und werfen sie zu. Die angefangene Konstruktion sinkt klappernd in sich zusammen.

Man sagt, über sechzig Prozent aller Ehen mit Kindern scheitern am Aufbau des irgendwann obligatorischen Kaufmannsladens für cirka Dreijährige. Na gut, nur ich sage das – aber egal, vertrauen Sie mir einfach.

Sonntagsspaziergang

Max & Consorten

Und während in Stuttgart die halbe Stadt gegen den Abriß eines bestenfalls mäßig ansehnlichen und begrenzt nützlichen Bahnhofs auf die Straße geht, reißt man bei uns um die Ecke die eventuell älteste Kneipe Hamburgs, Max & Consorten, ab – und keinen interessiert’s. Versteh einer die Welt.

Neu auf dem Nachttisch

Nach einem mäßigen Buch braucht man etwas verläßlich Gutes. Keine Experimente mehr, gestandene Erzähler, meisterhafte Stilisten. Einer der besten aus Deutschland, der heute leider kaum noch gelesen wird: Eduard von Keyserling. Vielen dummerweise nur bekannt durch die desaströse Verfilmung seines Romans „Wellen“, aber unbedingt lesbar. Die „Feiertagsgeschichten“ erschienen in Buchform zuerst 2008 und enthalten Texte, die zwischen 1905 und 1916 in Zeitungen erschienen sind. Schon die erste Geschichte, in der eine junge Adelige grandios an dem Versuch scheitert, sich in der Liebe heroisch zu benehmen, ist ein ganz wunderbares Stück. Es beginnt so:

„Mimi setzte sich in ihrer Sofaecke zurecht, ein wenig müde. Ihre Pflicht war getan: Sie hatte den Tee eingeschenkt, sie hatte einem jeden etwas gesagt. Nun saßen sie wohlversorgt um sie her und sprachen. Mimi nahm ihre Teetasse, rückte den Korb mit dem Kuchen näher zu sich heran und begann zu essen und zu trinken. Sie war hungrig. Neben ihr saß die alte Fürstin, dick und weich. Die Schmelzen an ihrem Mantel und Hut klapperten leise, wie bereifte Tannennadeln im Winde. Sie sprach von ihren Enkeln. Sie war gerade bei dem Jüngsten, Egon, der sehr begabt war. Alle Enkel der Fürstin waren sehr begabt. Ihnen gegenüber in dem großen schwarzen Sessel lag die Gräfin Mathilde. Das verstand sie – auch auf dem kleinsten Stuhl goß sie sich hin, als läge sie im Bett.“

Neu auf dem Nachttisch

Es ist natürlich vollkommen verständlich, daß ein Verlag seine Produkte in Superlativen beschreibt und anpreist. Man darf es aber doch seltsam finden, daß die Presse sich so oft so begeistert an diesem Spiel beteiligt und verblüffend freigiebig mit Jubeltexten um sich wirft, die bestenfalls mittelmäßige Bücher über den grünen Klee loben. Manche Bücher werden durch diese Superlative in den Besprechungen erst richtig schlecht und wären vielleicht doch ganz nett gewesen, hätte man sie vorher korrekt als ganz nett beschrieben gefunden. Ich habe nichts gegen ganz nette Bücher, ich schreibe schließlich sogar selber welche. Es gibt einen großen Markt für ganz nette Bücher und es gibt überhaupt keinen Grund, sie als Meilensteine der Literatur zu bezeichnen.

Seltsame Jubelarien findet man zum Beispiel für Grégoire Boullier: Ich über mich. „Großartig geschrieben“, „sprühender Humor“, „äußerst amüsant“, höchst unterhaltsam“…

Und dann liest man die ersten zwanzig Seiten, guckt ratlos hoch und versteht die Welt nicht mehr, das Buch schon gar nicht und die Rezensenten erst recht nicht. Nichts ist komisch, nichts ist unterhaltsam, es spritzt nichts, es amüsiert nichts und unter großartig geschrieben stellt man sich auch etwas anderes vor. Die Lektüre ist ein Fall von Interruptus.

Das Buch erschien 2010, wurde aus dem Französischen übersetzt von Oliver Ilan Schulz und beginnt so:

„An einem Sonntagnachmittag kommt plötzlich meine Mutter in unser Zimmer, wo mein Bruder und ich spielen, jeder in seiner Ecke: „Kinder, glaubt ihr, dass ich Euch liebe?“ Ihre Stimme ist eindringlich, ihre Nasenflügel phantastisch. Mein Bruder gibt eine klare Antwort. Ich zögere, eigentlich bin ich erst sieben Jahre alt. Ich bin mir der Gelegenheit bewusst und fürchte zugleich die Folgen. Schließlich murmle ich: „Vielleicht liebst du uns ein bisschen zu sehr.“ Entsetzt starrt mich meine Mutter an. Sie verharrt einen Moment fassungslos, geht zum Fenster, reißt es auf und will sich aus dem fünften Stock stürzen. Vom Lärm aufgeschreckt, erwischt mein Vater sie auf dem Balkon, als sie schon mit einem Bein über dem Abgrund hängt. Meine Mutter heult auf und schlägt um sich. Ihre Schreie erfüllen den Hof.“