Es ist morgens halb sechs, ich stehe auf dem Balkon und sehe auf den Spielplatz. Er liegt noch in dunkelgrauer Dämmerung, der Sand ist noch naß von der Nacht. Zahllose Spinnweben hängen tropfenschwer in den Büschen, es nieselt ganz leicht und in den Baumkronen hockt der Herbst und lauert. In den Häusern ringsum gehen ein paar vereinzelte Lichter an, außer mir stehen noch zwei andere Männer auf den Balkonen und sehen in den Morgen, der schon sehr nach September aussieht. In der Luft ein flüchtiger Geruch von kühlem Wasser, der Wind weht von der Alster her. Herbst, denke ich, auch gut.

Sohn I kommt zu mir und fragt, was ich da gucke. Ich hebe ihn hoch und zeige ihm alles, auch die ersten bunten Blätter in den Bäumen, die er aber nicht sehr spannend findet. Herbst, denke ich, wie wundervoll. Da kann man bald Laterne laufen, sehr schön, das wird den Kindern wieder eine riesige Freude sein. Da kann man Drachen steigen lassen, sofern man einen gebaut hat. Na, sagen wir lieber einen gekauft hat. Man kann durch meterhohe Laubberge rascheln und auf Waldspaziergängen die schönsten Blätter sammeln und mitnehmen, die ganze goldbunte Pracht. Man kann endlich wieder spazierengehen, ohne vorher alles mit Sonnencreme einzusauen, man kann sogar hoffen, daß unsere Dachwohnung irgendwann wieder unter 27 Grad abkühlt. Man kann kuschelige Pullover tragen, mit Gummistiefeln durch Pfützen springen und Kastanien sammeln. Man kann herrliche Eintöpfe kochen, Zwiebelkuchen essen, Federweißen trinken und überhaupt, Herbst ist toll. Denke ich so.

„Sohn“, sage ich, „der Sommer ist fast schon vorbei. Nach Sommer kommt Herbst. Weißt Du, was Herbst ist?“ „Ja“, sagt der Sohn und dreht einen toten Schmetterling in den Fingern, bis er zerbröselt. „Was ist denn im Herbst?“ frage ich sicherheitshalber, denn der Sohn hat es längst raus, Wissenslücken geschickt zu kaschieren. Der Sohn guckt kurz von seinem Schmetterling hoch und sagt: „Im Herbst ist dann danach Weihnachten.“

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