Ich finde es ja immer sehr respektabel, wenn sich ein Romanautor so in ein ihm eigentlich fremdes Thema einarbeitet, daß man merkt, der Mann hat jetzt richtig Ahnung. Respektabel, weil der Fleiß fast aus jeder Zeile herauszulesen ist, da hat jemand endlos Zeit am Schreibtisch verbracht und recherchiert. Leute befragt, vielleicht Reisen gemacht, Bücher gewälzt, in Bibliotheken gesessen. Literarisch ist das natürlich keine Leistung, im Gegenteil scheint es so, daß die allzu fleißigen Lerner gerne allzu viele Fakten in ihren Romanen unterbringen, nicht immer zum Gewinn des Ganzen. Nicht jeder ist eben ein Melville oder Zola, die aus Sachwissen Weltliteratur machen konnten.

Als Leser ist mir vollkommen egal, ob jemand zum Beispiel eine Szene auf einem amerikanischen Kriegsschiff durch hundert Fakten absichert oder mir mit drei einfachen Sätzen ein stimmungsvolles Bild liefert, aber eigentlich nicht die leiseste Ahnung hat, wozu die ganzen Geräte auf der Kommandobrücke da sind. Entweder das Ergebnis, die Szene, sagt mir etwas oder nicht. Wenn ich mich für amerikanische Kriegsschiffe wirklich interessieren würde, ich hätte schon längst ein Sachbuch dazu im Regal, aus einem Roman erwarte ich keine Weiterbildung in Sachfragen.

Adam Haslett: Union Atlantic. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Das Buch erschien zuerst 2009 und beginnt so:

„Sie lagen am zweiten Abend im Hafen von Bahrain, als drüben im Admiralstab jemand beschloss, an Bord der Vincennes hätten alle zumindest mal eine Schachtel Zigaretten verdient. Die Geste kam gut an, bis – erst in der Kantine, dann in den Automaten – der Vorrat ausging und unter den Mannschaften und Unteroffizieren rund fünfzig zu kurz Gekommene sich um die einzige Anerkennung dessen betrogen fühlten, was sie durchgemacht hatten. Einige von ihnen strichen vor dem Bordsupermarkt herum, betrunken und deutlich der Meinung, der solle gefälligst aufmachen und das Versprechen einlösen.“

Ein Buch über drei Menschen in Amerika, ein Buch über amerikanische Gesellschaft, über die Finanzkrise und deren Vorgeschichte. Die Szenerie auf dem Kriegsschiff ist nur ein kleines, wichtiges Stück Vorgeschichte. Wobei die Sache mit den Finanzen in den Roman so eingebaut ist wie die Sachgeschichten in die Sendung mit der Maus, man merkt eben doch den Zeigefinger und die sanfte Belehrung, auch wenn es noch so geschmeidig daher erzählt wird. Man möchte den Autor zwischendurch anstupsen und sagen: „Mir doch egal, erzähl lieber weiter.“ Andererseits, wenn man sich zumindest am Rande für Finanzfragen interessiert, ist das Buch mit Sicherheit ein Gewinn. Gerade die eher unredlichen Praktiken werden schon sehr zwingend beschrieben, und, wenn man den Faden behält, auch sehr einleuchtend. Und man ist als Leser, besonders als deutscher Leser, ja auch durchaus dankbar, wenn die Hauptfiguren im Roman durch die Bank normale Berufe haben und nicht Schriftsteller sind.

Einer der drei Hauptfiguren, ein Banker, ist ein veritables Arschloch und ein sehr guter Grund, das Buch durchzulesen. Denn bei der Schilderung dieser Hauptfigur wird man das Gefühl nicht los, daß Arschlöcher genau so sind, wie dieser Mann: genau so kalt, ehrgeizig, skrupellos, ekelhaft. Arschlöcher kommen in modernen Romane meines Erachtens nicht oft genug vor, obwohl sie doch die Welt regieren. Hier gibt es ein sehr schönes Musterexemplar. Man liest die Beschreibungen und denkt alle paar Absätze: Ja, genau, das sind sie, so sind sie – und ich kenne auch welche von der Sorte. Wirklich faszinierend.

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