Ich bin mit Sohn I im Kindersitz ein wenig Fahrrad gefahren, weder sehr weit noch sehr bergauf noch sehr schnell, eine eher gemäßigte kleine Tour im näheren Stadtgebiet. Ich hatte einen Rucksack auf, denn für Kinder braucht man immer Zubehör. In dem Rucksack war nur das Nötigste, also Essen, Trinken, Wechselkleidung, Bücher, Spielzeug, was man eben so braucht, wenn man mit Kind kurz vor die Tür geht. Ich habe den Sohn in den Kindersitz montiert, mich auf das Fahrrad geschwungen und bin fröhlich losgefahren. Nach einer Weile fragte ich mich, wo eigentlich die merkwürdigen Geräusche herkamen und merkte dann, daß es ein halb ersticktes Stöhnen des Kindes war, das hinter mir meinen Rucksack im Gesicht hatte und wenig Chance zur Gegenwehr. Gut, dachte ich, nehme ich den Rucksack eben vor den Bauch. Ich hielt an und drapierte das Gepäck neu. Leider verrutschte mir der vorne getragene Rucksack dauernd, so daß ich ihn mit einer Hand an der Schulter festhalten mußte, außerdem saß er zu tief, so daß ich meine Beine beim Treten ungewöhnlich weit nach außen biegen mußte. Ich fuhr in insgesamt eher fragwürdiger Haltung und trug dabei zur Erheiterung der Passanten bei, aber was tut man nicht alles für seinen Sohn.

Am nächsten Tag hatte ich den Muskelkater meines Lebens und wußte schon nach dem Aufwachen nicht recht, wie ich aus dem Bett kommen sollte, da sowohl die Bauch-, als auch auch die Arm- und Beinmuskeln im fortgeschrittenen Alarmmodus waren und nicht mehr mitspielen wollten. Ich rollte mich aus dem Bett und ins Bad, wo ich mich stöhnend an der Badewanne hochzog und mich stehend langsam stabilisierte. Dabei sah ich mich zufällig im Spiegel und dachte, nein, das kann so nicht weitergehen. Auf keinen Fall. Ich bin noch keine neunzig Jahre alt, aber bereits so verkalkt wie ein Hundertjähriger. Ich bin in einem solchen Ausmaß der Bewegung entwöhnt, daß ich praktisch zu gar nichts mehr in der Lage bin, so kann es beim besten Willen nicht weitergehen. Ich habe drei Berufe und bei allen dreien pappe ich stundenlang am Schreibtisch, wenn das so weitergeht, werde ich komplett versteinern. Ich brauche einen Ausgleich, und zwar sofort.

Dann ging ich erst einmal zur Arbeit, an meinen Schreibtisch. Danach ging ich nach Hause, an meinen anderen Schreibtisch. Ich saß und schrieb, und als später die Kinder im Bett waren ging die Herzdame auch an ihren Schreibtisch, das ist so unser abendliches Freiberufler-Idyll. Sie in dem einen Zimmer, ich in dem anderen. Es wurde spät und später, ich sah auf die Uhr und hätte auch schon bald ins Bett gehen können. Und dann dachte ich: nein! In diese Falle gehe ich nicht. Am Morgen einen Beschluß fassen und abends gleich wieder nachlassen, was ist das denn für eine erbärmliche Haltung. Raus mit Dir, vor die Tür, wenigstens noch ein strammer Spaziergang, eine Stunde Bewegung vor dem Schlafengehen, danach kann man dann mit ruhigem Gewissen schlummern. „Ich geh mal um den Block“, rief ich der Herzdame zu, die „ja, ja“ antwortete ohne auch nur hochzusehen, sie war in ihre Arbeit vertieft und wir sind es eh nicht mehr gewohnt, abends miteinander zu reden.

Ich nahm meine Jacke und schloß die Wohnungstür hinter mir. Ließ den Fahrstuhlknopf ungedrückt und sprang die Treppen hinunter, wenn schon Bewegung , dann sofort. Ich trat vor die Tür und war in zwei Sekunden bis auf die Unterwäsche naß, mein edler Beschluß zur körperlichen Ertüchtigung fiel zufällig in einen anständigen Wolkenbruch. Na und, dachte ich, ist ja nur Regen. Beschluß ist Beschluß! Ich geh jetzt spazieren, und wenn ein Tornado kommt. Man kann sich als Norddeutscher ja nicht ernsthaft vom Wetter aufhalten lassen, dann kommt man hier zu gar nichts mehr. Ich ging. Ich ging immer schneller, ich machte mich gerade und gerader, ich atmete tief durch. Ich sprang über Pfützen. Die Luft war erstaunlich warm, vor den Restaurants auf unserem Stadtteilboulevard Lange Reihe saßen trotz des kübelnden Regens noch sehr viele Menschen draußen unter triefenden Sonnenschirmen und durchgeweichten Markisen. Zusammengekuschelte Grüppchen, in Regenjacken vergraben, trinkend und rauchend. Ich grüßte hier und da einen Bekannten, ich sah in Cafés und Bars, in denen ich seit Ewigkeiten nicht mehr gewesen war und fragte mich, wann ich überhaupt zum letzten Mal abends einfach so draußen herumgelaufen sei. Weiß der Kuckuck wann, vor drei Jahren? Vor den Kindern. Vor Ewigkeiten! Ich war naß bis auf die Haut, aber bestens gelaunt, den Muskeln tat das Gehen eindeutig gut. Ich ging und ging, erst nach einer Stunde machte ich mich wieder auf den Heimweg, durchnässt aber glücklich. Super, dachte ich, das mache ich jetzt öfter. Viel öfter. Wie schön, wenn man Beschlüsse nicht nur faßt, sondern auch sofort umsetzt! Kernig, wie es sich gehört. Ein Mann, ein Wort, ein Spaziergang.

Ich schloß unsere Wohnungstür auf und sah eine panisch aussehende Herzdame, die im Flur auf und ab lief und ihr Handy ans Ohr hielt. „Hey“, sagte ich, „ich hab Sport gemacht!“ Als sie mich sah, wirkte sie verblüffend erleichtert und nahm mich filmreif in den Arm. Nanu, dachte ich, hier stimmt aber etwas nicht. Die Herzdame, verstand ich nach einer Weile, hatte meinen Abschied gar nicht zur Kenntnis genommen, sie hatte nur irgendwann gemerkt, daß ich nicht mehr am Schreibtisch saß und auch sonst in der Wohnung nicht zu finden war, während draußen gerade die Welt unterging. Der Mann, der mit absoluter Sicherheit jeden Abend am Schreibtisch verbrachte – plötzlich weg. Zwei schlafende Söhne in den Betten, aber kein Mann mehr. Die Herzdame stand an der Balkontür, sah in den Regen und dachte sich, daß kein Mensch bei Verstand freiwillig in dieses Wetter gehen würde. Wo war der Kerl geblieben? Als ich die Tür aufschloß, war sie nach langer Überlegung gerade drauf und dran, die Polizei anzurufen, um sich dort nach mir zu erkundigen. Und da sie sehr froh war, daß ich unversehrt wieder da war, ließen wir die Schreibtische Schreibtische sein und gingen umgehend gemeinsam ins Bett.

Wir merken uns daher als goldene Regel: Sportliche Männer haben mehr Erfolg bei den Frauen.

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