Ratgeberliteratur – jetzt auch in anwendbar

Ich lese so gut wie nie in den zahllosen Ratgebern für Eltern, die einem die richtige Erziehung anhand von pauschalen Regeln vermitteln wollen. Vereinzelt fliegen aber doch ein paar dieser Bücher durch unseren Haushalt, weil die Herzdame die Lektüre dieses Genres ganz amüsant findet. Manchmal unterhalten wir uns natürlich auch über den Inhalt, etwa wenn die Herzdame eine Stelle besonders interessant findet, aber in der Regel spielen diese Werke in unserem Alltag überhaupt keine Rolle.

Gestern saß ich am Computer und grübelte, die Herzdame stand währenddessen im Wohnzimmer, sortierte auf dem Tisch Briefe, Rechnungen, Bücher und Zeitschriften und warf gelegentlich einen Blick auf die Söhne, die um uns herum wild durch die Wohnung wuselten.

Herzdame: „Ich finde, man sollte Kinder da abholen, wo sie stehen.“
Ich: „Äh, was?“
Herzdame: „ Man soll Kinder da abholen, wo sie stehen. Denkst du nicht?“
Ich: „Ist das so eine Superphrase aus einem deiner Ratgeber? Erziehungsliteratur für Profis?“
Herzdame: „Nein, das ist ein freundlicher Hinweis, daß unser Kleiner gerade in der Küche auf der Spüle steht.“

Fairness und Gegenseitigkeit

Die Herzdame hat den ersten veritablen Hexenschuß ihres Lebens, eine Erfahrung, die nicht eben einfach für sie ist. Erstens tut es höllisch weh, zweitens nutze ich selbstredend die Chance, mich für zehn Jahre Hohn und Spott über meine eigenen Rückenbeschwerden zu revanchieren. Sie kommt mit schmerzverzerrtem Gesicht von einem Arztbesuch zurück, ich bitte sie, während ich auf dem Sofa entspannt in wohliger Lage ein Buch lese, die zahllosen von den Söhnen verstreuten Legosteinchen auf dem Fußboden aufzuheben. Sie sagt, sie wäre nahezu bewegungsunfähig, ich erinnere sie freundlich daran, daß wir noch die schwere Kommode im Kinderzimmer verrücken wollten und frage, ob heute recht sei. Sie gräbt im Schrank nach Schmerzmitteln, ich drücke ihr Sohn II in den Arm, mit dem freundlichen Hinweis, daß er gerne etwas herumgetragen werden möchte.  Man versteht das Prinzip, nehme ich an. Eine herzensechte Partnerschaft sollte eben immer von Fairness und Gegenseitigkeit geprägt sein.

Die Herzdame sucht in der Küche stöhnend nach ihrem Wärmekissen, ich sitze am Computer und arbeite vergnügt vor mich hin.

Ich: „Oh hier, eine Mail von E. Sie sagt, sie könne dir einen Osteopathen empfehlen, für deinen ach so kaputten Rücken.“

Herzdame: „Ach, Osteopathen. Das haben mir schon so viele empfohlen, ich glaube da ja nicht recht dran. Warum sollte ich da hingehen?“

Ich: „Sie schreibt, er sei attraktiv.“

Herzdame: „Steht die Nummer dabei?“

Neu auf dem Nachttisch

Eigentlich meide ich Bücher, deren Hauptfigur Schriftsteller ist. Eigentlich ist das eine ziemlich brauchbare Regel,  um endlosen Selbstbespiegelungen zu entgehen und alle Arten von Ratespielchen zu umgehen, ob die Figur nun der Autor selbst sein soll oder nicht. Manchmal mache ich natürlich eine Ausnahme und prüfe, ob die Regel stimmt. Manche Ausnahmen muß man insbesondere bei deutschen Büchern machen, weil man sonst gar keine findet.

Walter Kempowski: Hundstage. Walter Kempowski schreibt als alternder Schriftsteller, der in Norddeutschland auf dem Land lebt, über einen alternden Schriftsteller, der in Norddeutschland auf dem Land lebt. Er beschreibt den Tagesverlauf dieses Mannes minutiös, vollkommen humorfrei und mit einer geradezu entsetzlichen Lust an banalen Details, die durch die gediegene Wortwahl unklar weihevoll aufgeplustert werden. Schrecklich, schrecklich. Erinnert etwas an die gänzlich unerträglichen Tagebücher von Thomas Mann, der empfand im Alter auch irgendwann alles als geheiligt, was seinen Alltag ausmachte.

Der Roman erschien zuerst 1988 und beginnt so:

„Alexander Sowtschik stand am Tor. Er blickte seiner Frau nach. Soeben war Marianne in ihrem Golf die Pappelallee hinuntergefahren und war, von Dorfhunden verfolgt, im Staub der Straße verschwunden. Den ganzen Vormittag über war im Haus herumgelaufen worden. Türenschlagen, treppauf, treppab, dies noch vergessen, das. Nun war alles ausgestanden, nun war alles im Fluß: Marianne würde die Autobahn erreichen und mit größer werdender Geschwindigkeit dahinfahren, immer weiter, immer weiter, dem an langen Winterabenden erarbeiteten Urlaubsziel entgegen: Isle de Camps an der Atlantikküste, weiß Gott weit weg! Das Meer, nicht wahr? Die schäumenden Wogen und im nahen Städtchen ein Lokal, in dem es ungewöhnliche Leckereien zu essen geben würde.“

True Love

Der siebte Hochzeitstag. Die Herzdame und ich gehen abends in ein Restaurant, wozu wir nicht eben häufig kommen. Wir gehen durch eine verregnete Hamburger Hauptstraße, Touristengewimmel um uns herum, lauter Menschen, die ausgehen. Paare, die Arm in Arm gehen, ich nehme die Hand der Herzdame. An einer roten Ampel bleiben wir stehen und drücken uns. Es ist dunkel, wir sind draußen, wir sind zusammen. Zeit für uns. Die Herzdame guckt nachdenklich. Dann fällt ihr etwas ein.

Herzdame: „Verdammt.“

Ich: „Wie meinen?“

Herzdame: „Ich hab gar kein Buch fürs Restaurant mitgenommen.“

Ich: „Oh.“

Neu auf dem Nachttisch

Ein Notkauf am Bahnhofskiosk, weil ich in der Stadt eine halbe Stunde auf die Herzdame warten mußte und nichts zu lesen dabei hatte, was natürlich ein vollkommen inakzeptabler Zustand ist. Ferdinand von Schirach: Verbrechen – Stories. Äußerst lesbar, obwohl Bestseller, das kann man ja auch nicht gerade jeden Tag behaupten. Spannend, gut geschrieben, vielleicht ein wenig sehr hard-boiled, aber auf keinen Fall schon im peinlichen Bereich, wie es deutschen Autoren sonst sehr, sehr leicht passiert, wenn sie sich auf diesen knappen, trockenen Stil einlassen. Sehr gelungen, sehr unterhaltsam. Das Buch erschien zuerst 2009 und beginnt gleich mit der besten Geschichte des Buches, „Fähner“, eine Geschichte, die sich schon wegen des letzten Satzes lohnt, aber den gebe ich hier natürlich nicht wieder. Die Geschichte beginnt so:

„Friedhelm Fähner war sein Leben lang praktischer Arzt in Rottweil gewesen, 2800 Krankenscheine pro Jahr. Praxis an der Hauptstraße, Vorsitzender des Kulturkreises Ägypten, Mitglied im Lionsclub, keine Straftaten, nicht einmal Ordnungswidrigkeiten. Neben seinem Haus besaß er zwei Mietshäuser, einen drei Jahre alten Mercedes E-Klasse mit Lederausstattung und Klimaautomatik, etwa 750000 Euro in Aktien und Obligationen und eine Kapitallebensversicherung. Fähner hatte keine Kinder. Seine einzige noch lebende Verwandte war eine sechs Jahre jüngere Schwester, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Stuttgart lebte. Über Fähners Leben hätte es eigentlich nichts zu erzählen gegeben.
Bis auf die Sache mit Ingrid.“