Mit drei Jahren versteht ein Kind zusehends mehr, wer was warum macht und wie das alles zusammenhängt. Ganz allmählich lösen sich Dinge und Szenen aus der Vereinzelung, finden zusammen, verketten sich in Wenn-Dann-Verbindungen, ergänzen und bereichern sich – auch dann, wenn sie gerade gar nicht sichtbar sind und sogar auch dann, wenn sie keiner erklärt hat. Ein Luftballon ist nicht mehr nur einfach ein Luftballon, ein Luftballon ist ein Ding, das man für einen gewissen Preis in einem gewissen Laden kaufen kann. Er ist aus einem Zeug gemacht, aus dem man auch andere Sachen machen kann. Wenn er kaputtgeht, kann man ihn wiederbeschaffen, das ist nicht einmal sehr teuer. Es gibt Luftballons in vielen Farben und einige sind besser als andere. Und das ist erst der Anfang, wenn man ein wenig nachdenkt, dann fällt einem noch sehr viel mehr zu einem Luftballon ein. Die Begriffsinhalte zu all den Sachen wachsen und wachsen, schon sind sie fast unüberschaubar. Ein Baby weiß zu einem Ball nur eines, nämlich „Ball“, was ein dreijähriges Kleinkind alles dazu weiß, das ist schon viel zu viel, als daß es das mal eben erzählen könnte.

Das Kind macht sich Gedanken. Ganz alleine. Es denkt beim Schaukeln darüber nach, was da oben ist, wo man nicht hinschaukeln kann, was denn wohl noch über der Luft ist. Es denkt beim Anblick eines toten Käfers darüber nach, ob der auch toter als tot sein kann, zum Beispiel wenn man noch einmal mit dem Gummistiefel kräftig drauftritt. Es denkt beim Anblick von kaputten Bierflaschen auf Spielplätzen darüber nach, wer so etwas macht und wieso das eigentlich nicht alle machen, aber einige eben doch,  und warum da nicht immer jemand aufpaßt und wieso die Scherben eigentlich nicht der erste wegmacht, der sie sieht, das wäre doch viel besser, und wieso hält der Vater eigentlich schlaue Vorträge über Glasscherben und räumt sie nicht einfach weg. Das Kind kommt zu den richtigen Erkenntnissen, ziemlich oft sogar. Gut, es ist natürlich nicht ganz richtig, daß die Schnullerfee auf feuerspeienden Drachen durch die Nacht reitet, und wenn man ganz, ganz doll schaukelt, dann fliegt man auch nicht direkt bis nach Mallorca, aber so ein kleiner Denker leistet doch mehr und bessere geistige Arbeit, als man vielleicht annimmt.

Es ist früh am Morgen, ich stehe im Bad und rasiere mich. Sohn I sitzt auf dem Badewannenrand und sieht mir zu, das Kinn in die Hand gestützt, es arbeitet merklich in seinem Kopf. Dann tippt er mich schließlich an: „Papa, ich weiß jetzt, warum du dich immer rasierst, glaube ich.“ „So“, frage ich, „warum denn?“ „Damit du von mehr Frauen geküßt wirst“, sagt er und denkt noch ein wenig weiter nach. Dann steht er auf und holt sich einen kleinen Hocker, stellt ihn neben mich, klettert hoch und greift energisch nach dem Rasierapparat: „Das will ich jetzt auch.“

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