Strande, das ist auch so ein kleines Dorf an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste, gleich neben Schilksee. Eine Fischbrötchenbude, ein Hotel, ein Yachthafen, ein paar Fischerboote. Im Wappen der Gemeinde ein Großsegel und ein Spinnaker, da weiß man gleich Bescheid. Ein Holzzaun um das Gebäude des Yachtclubs, vollgehängt mit Verkaufsanzeigen für Boote und Zubehör, angepinnte Zettel, die meisten verblichen, mit vom Regen zerlaufener Schrift, eingerissen, halb verweht. „Verkaufe Hundeschwimmweste in XL, kaum gebraucht“ lese ich, das wäre schon eine Geschichte für sich, nur möchte man sie wahrscheinlich gar nicht wissen.

Wir gehen auf einem schmalen Steg raus bis zur Bootstankstelle, um den Kindern dort ein Eis zu kaufen. Eine der kleineren Premieren im Leben, in so einer Tankstelle zu stehen. Eine Yacht macht gerade fest, Sohn I ist hingerissen und sieht begeistert zu. Sohn II nutzt die Gelegenheit um große Stücke aus dem Eis des Bruders zu beißen, überhaupt besteht Sohn II im Wesentlichen aus Hunger, besonders an der See. „Adda“, sagt er und zeigt auf ein kleines Fischerboot, das gerade näherkommt, „Adda!“ Er wirkt etwas aufgeregt, aber das ist ja auch kein Wunder, so oft kommt er nicht ans Meer. Er brabbelt heiter vor sich hin. Mit einem Jahr wird bei Kleinkindern oft aus den spielerischen Silben wie Adda, Lala oder Dada das erste sinnvolle Wort. Nicht nur Mama oder Papa, auch Dinge werden benannt, Nane oder Nana für Banane etwa wäre so ein typisches Beispiel. Es macht Spaß, an den Wortbildungen des Kleinen herumzurätseln, manchmal erwischt man exakt den richtigen Punkt und erlebt die Geburt eines Wortes, manchmal hilft ein wenig deutliches Vorbeten und aus einem einzigen großen A wird plötzlich Ball, einfach so. Sohn II kann Mama und Papa sagen, mehr ist bisher nicht zu vermelden. Allerdings wird er mit der Silbenfolge gerade sehr kreativ, er ist offensichtlich ganz kurz davor, seinen Vokabelschatz zu vervielfachen. „Adda“, sagt das Kind und zeigt auf das Schiff. „Boot“, schlage ich ihm vor, das erscheint mir einigermaßen einfach, das könnte er ja einmal nachsprechen. „Boot, ein Boot“, wiederhole ich und zeige auf den herandümpelnden Kahn. „Adda“ sagt der Sohn, zeigt auch und schüttelt den Kopf. Adda, überlege ich, wie könnte man denn jetzt wohl eine sprachliche Brücke zu Boot oder einem anderen sinnvollen Begriff hinkriegen? Ich bleibe lieber bei Boot und wiederhole den Begriff einfach immer wieder und wieder, bis der Sohn mich genervt ansieht, nach meinem Mund greift und wütend „Adda“ sagt.

Vor ein paar Tagen dachte ich noch, Adda wäre der Begriff für seinen Bruder, während die Herzdame dachte, Adda wäre sein Wort für Hallo, nun ist es anscheinend ein Boot und damit eben doch gar kein Wort sondern einfach nur ein Geräusch. Sein Lieblingsgeräusch. Nun ja. Warten wir eben noch ein wenig bis zu dem magischen Einsetzen des Sprechvermögens. „Adda“, sage ich zur Herzdame, „für ihn ist einfach alles Adda.“

Das Boot war währenddessen nähergekommen und drehte jetzt bei, ein Mann in langen Gummihosen, warf vom Heck aus ein Seil an den Steg. Wir sahen ihm zu, wie er im Schiff hantierte und das Tau verknotete, dann fiel mein Blick auf ein Detail an der Außenwand des Bootes. „Guck mal“, sagte ich zur Herzdame, „das gibt es ja gar nicht.“ Der Blick der Herzdame folgte meinem. „Oh“, sagte sie, und dann sagte sie nichts mehr. „Wenn ich das blogge, das glaubt mir doch kein Schwein“, sagte ich. „Nein“, sagte die Herzdame, „wohl kaum.“ „Ich mach es aber trotzdem“, sagte ich. Ich setzte Sohn II auf die Planken des Stegs, auf denen er wankend stehenblieb und wieder auf das Schiff zeigte. „Adda“, sagte er und sah mich dann fragend an – und er hatte vollkommen recht. Vor uns hatte gerade eben ein Boot angelegt, das auf den seltsamen Namen Adda getauft war, an dem Schriftzug am Heck war überhaupt nicht zu zweifeln.

„Adda“, sagte ich, „da hast du aber ein schönes erstes Wort.“

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