In Eckernförde steht eine junge Frau am Strand, die ein blaues Matrosenkleid mit weißem Kragen trägt. Die Frau ist üppig, das Kleid ist knapp, ihr Akzent italienisch. Sie posiert vor den Kameras von Freundinnen, stemmt die Arme in die Hüften, drückt den Busen raus, verwirbelt die Haare. Hinter ihr das Meer, weit draußen ein Kriegsschiff der deutschen Marine. Was immer die jungen Damen genau vorhaben, die Bilder werden spindtauglich sein. Am Strand tummeln sich Kinder auf einem hölzernen Piratenschiff, Erwachsene trinken zu dünnen Latte Macchiato auf den Stufen des Ostsee-Informationszentrums. In der Sonne trägt man noch Badeanzug, im Schatten schon wattierte Jacken, die einen lecken gierig am Eis, die anderen umklammern zittrig Heißgetränke, Saisonende am Strand.

Wir ziehen durch die langgezogene Altstadt und suchen nach einem Lokal, in dem man mit zwei müden Kindern etwas essen kann, ohne beim Rausgehen von hinten erschossen zu werden. Ich neige in solchen Fällen zum Besuch von Imbissen, die Herzdame findet schon den Gedanken daran schauderhaft, wir rätseln am Kompromiß herum. Viele Restaurants, die zu gut aussehen, daneben Fischbrötchenbuden ohne Stühle, nach Pommes riechende Dönerläden oder Bäckereien, die gerade schließen. Schließlich entscheiden wir uns für eine Art Kneipenrestaurant, in dem es auch Pizza gibt – und mehrere Kinderteller. Eines dieser Etablissements, in denen man unwillkürlich langhaarige Menschen mit Bärten vermutet, diese bestimmte Szene aus der Frühzeit der Grünen. Vergilbte Speisekarten, ein paar besondere Biersorten, rustikales Ambiente. Dieser Geruch von Restaurants, in denen ein Steinofen steht. Wände, die in mißlungener Wischtechnik orangegelb bemalt wurden, irgendwo weiter hinten eine italienische Landschaftsszene an der Wand, man ist geneigt, mit dem unfähigen Künstler Mitleid zu empfinden. Personal, das nach studentischen Aushilfen aussieht, auch wenn es hier gar keine Uni gibt. Ein paar vereinzelte Gäste, die wie wissenschaftliche Hilfskräfte aus den Geisteswissenschaften aussehen, warum sollten die nicht auch einmal Urlaub an der Ostsee machen. Ein Kneipenrestaurant, wie es in wahrscheinlich jeder deutschen Kleinstadt zu finden ist. Die ganze Szene des Innenlebens könnte so auch in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts spielen, nur wäre sie dann auch noch kräftig verraucht. Der Rest stimmt schon.

Wir gehen nach hinten durch, aus den Lautsprechern hört man Simply Red. „Hör mal die Musik“, sage ich zur Herzdame, „wenn das Essen hier dazu paßt, nage ich lieber an trockenen Brötchen.“ Die Herzdame steuert eigensinnig einen Tisch an, wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen hat, können sie nur noch Naturkatastrophen von der Durchführung abhalten. Ich sehe mich um und fühle mich äußerst unangenehm an meine Jugend erinnert, dieser Laden hier ähnelt durch seine Stimmung ein wenig dem Tipasa in Lübeck, einer Kneipe, die dem einen oder anderen meiner Generation noch durch einen spektakulären Kriminalfall der ehemaligen Inhaberin in Erinnerung ist. Abendliche Kneipenrunden der Oberschüler in Lübeck, als man endlich auch alleine ausgehen durfte. Verzweifeltes Feilen an der Flirttechnik, schnelles Trinken, gieriges Rauchen, vermeintlich tiefschürfende Gespräche, was für eine elende Zeit. Dieses brennende Hoffen auf Zweierverabredungen, dieses Unwissen, wie man bloß aus der Gruppe heraus zu einem Paar werden sollte. „Fade to grey“ von Visage pfeifen und selber neben anderen verblassen, ohne es recht zu bemerken. Ich denke zurück und fühle mich unwohl.

Sohn I tobt um uns herum durch den Raum, er hat kein Problem mit der Kneipe, er findet immer alles toll, was neu ist. Ich sehe ihm zu und hoffe, daß er später besser als ich in das Liebesleben startet. „In Lübeck damals…“ sage ich zur Herzdame, die mich mit „ja, ja, Opa erzählt vom Krieg. Wir wollen jetzt bestellen“ unterbricht und mir eine Speisekarte in die Hand drückt.  Drei Seiten mit Pizzen, man könnte die Namen herunterbeten ohne auch nur einen Blick in die Karte geworfen zu haben. „Was nehmen wir für die Kinder“, fragt die Herzdame, „und wo ist der Große überhaupt geblieben?“ An unserem Tisch ist er jedenfalls nicht, im ganzen Raum anscheinend auch nicht. Ich suche die Hinterzimmer der Kneipe ab, es gibt ein paar mehr davon. Sohn I sitzt mit einem kleinen Mädchen unter einem Billardtisch, sie hören lachend dem Klackern der Kugeln über ihnen zu. Schulter an Schulter sitzen sie da und der Sohn strahlt mich an und sagt: „Sie heißt Lara. Meine neue Freundin.“

Ich habe dann beschlossen, mir vorerst keine Sorgen mehr um sein Flirtverhalten zu machen. Und danach spektakulär schlecht gegessen, wie es sich in solchen Lokalen gehört.

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