Laboe, dazu fällt einem immer nur das bekannte Marineehrenmal ein, das ist so eine Art Zwangsassoziation, so wie man etwa bei Peenemünde erst einmal an Raketen denkt. Erst als wir den Ort wieder verlassen, fällt uns auf, daß wir es gar nicht gesehen haben, dieses Ehrenmal, was immer es nun eigentlich genau sein mag. Der Besuch in Laboe ist schwierig. Sohn I möchte schon bei der Ankunft ein Eis, hat aber gerade erst ein Schokobrötchen gegessen und bekommt daher keines, die Lage ist daraufhin etwas angespannt. Wir gehen vom kleinen Hafen aus am Strand entlang, Sohn I sieht das Meer und möchte baden. Zum Baden ist es aber entschieden zu kalt, die Stimmung verbessert sich dadurch nicht. Am Strand ein sehr in die Jahre gekommener Spielplatz, die Söhne lungern lustlos und schlechtgelaunt am Klettergerüst herum.

Die Herzdame und ich starren links und rechts die Promenade entlang. Kein Coffeeshop weit und breit, kein Balzac, kein World Coffee, nicht einmal ein lausiger Starbucks oder McCafé. Ich verstehe nicht, warum es an der ganzen deutschen Küste nirgendwo vernünftigen Kaffee zu geben scheint, alle Lokale, die Kaffee ausschenken, haben diese speziellen Draußen-Nur-Kännchen-Charme und so schmeckt es dann auch. Heute im Angebot mit Schwarzwälder Kirsch, aber egal, wir hätten gerne einen anständigen Latte Macchiato. Wir kommen aus einer Großstadt, wir sind Eltern, wir sind süchtig. Wir gehen am Strand entlang und halten keinen heißen Pappbecher in der Hand, aus Verzweiflung fassen wir uns sogar gegenseitig an den Händen, in harten Zeiten muß man zusammenhalten.

Aus der Nähe hören wir ein paar absonderlich laute Klänge, wir gehen nachsehen und stehen bald vor dem Pavillon für die Kurkonzerte. Auf der Bühne der wahrscheinlich schlechteste Gospelchor Deutschlands, die Damen können nicht nur nicht singen, sie können auch gut hörbar kein Englisch und sie tragen neonbunte Tücher um den Hals, mehr muß man eigentlich gar nicht wahrnehmen, um sofort die Flucht zu ergreifen. Ich ziehe an der Herzdame, die Herzdame zieht an den Söhnen – umsonst. Sohn II hat schon gesehen, daß die kleine Tanzfläche vor dem Pavillon leer ist und daß man da prima herumlaufen kann. Er nimmt sich einen kleinen herumliegenden Zweig von einer Linde – er braucht etwas in der Hand um frei herumlaufen zu können – und sprintet damit kreuz und quer vor dem seniorigen Publikum auf und ab. Dreht sich um sich selbst, fällt hin, rappelt sich lachend wieder auf, winkt den alten Damen vor ihm kichernd zu, haut einem Herrn im Rollstuhl kameradschaftlich aufs Knie. Kriegt Szenenapplaus, den der Gospelchor beglückt auf sich bezieht und daraufhin gleich noch etwas lauter singt. Ich sage der Herzdame, daß wir weiter müssen, die Herzdame sagt, das Kind habe doch so viel Spaß. Ich sehe mich nach Sohn I um, vielleicht taugt mir der zur Unterstützung, aber der wippt schon bedenklich in den Knien und ist augenscheinlich kurz davor, wie sein Bruder loszustürzen und für die nächste Showeinlage zu sorgen. Dem Dirigenten des Chors wehen im auffrischenden Wind von der See her die Noten weg, er läuft ihnen ein paar Meter hinterher und sagt dann lachend, er könne auch ohne. Man kann nicht immer Glück haben.

Ich sehe mich um. Auf den ersten Stuhlreihen vor der Bühne Rentnerinnen und Rentner in sandfarbenen oder taubenblauen Windjacken, die starr vor sich hinsehen und größtenteils mild lächeln. Dahinter ein paar etwas jüngere Touristen, die eher gelangweilt gucken, aber auch keine Anstalten machen weiterzugehen. Dieser Chor wird hier jetzt geboten, den sieht man sich dann auch an, das ist hier eben so. Dahinter, stehend, einige Elternpaare mit Kleinkindern, die sich die Vorstellung ansehen wie eine Horrorkomödie. Die Kinder winken den Sängerinnen zu und wuseln umeinander, die Eltern reden leise miteinander, zeigen auf den Chor, schütteln die Köpfe und lachen. Es ist kein fröhliches Lachen.

Auf dem DLRG-Turm sitzt eine Möwe und steckt den Kopf ins Gefieder. Der Fischbrötchenmann in der Bude an der Promenade lehnt sich mit verschränkten Armen auf seinen Verkaufstresen und guckt gelangweilt den vorbeiwandelnden Pärchen und Familien zu. An dem Kiosk daneben drehen sich kleine Windräder für Kinder in den Drahtständern an der Bretterwand. Ich gucke auf die Ostsee. Nach rechts hin die offene See, nach links die Verengung zum Hafen. In Travemünde damals war es umgekehrt, nach links die Ostsee und rechts das Land, mir ist, als stände ich verkehrtherum, oder als sei der ganze Ort seltsam verdreht. Ich erkläre der Herzdame, daß der Ort falsch herum sei, weil es doch früher alles anders war, die Herzdame sieht mich an, als sei ich behandlungsbedürftig. Der Gospelchor macht eine Pause. Ich sage Sohn I, daß Eis jetzt vielleicht doch eine gute Idee wäre. Der Eisstand ist praktischerweise ganz hinten, direkt neben dem Parkplatz, wo das rettende Auto steht.

Aber sonst war Laboe ganz nett.

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