Ein Buch, auf das ich nur kam, weil ich in einer Rezension aus dem Augenwinkel wahrnahm, daß es in Augsburg spielt – ein guter Grund, es der schönen Nachbarin zu empfehlen, die auch aus der Gegend kommt. Der schönen Nachbarin hat das Buch dann gar nicht gefallen und es wurde mir bald geliehen. Ich habe es mit großer Begeisterung verschlungen und ich habe sogar, was mir sehr lange nicht passiert ist, dem Durchlesen ein paar Stunden Nachtschlaf geopfert. Ein Kinderferiensommer in der Nachkriegszeit wird geschildert, in jener fernen Epoche, als die Kinder noch in großen Horden frei durch die Gegend liefen und erst abends, wenn es dunkel wurde, nach Hause trotteten. Eine wunderbare Sprache, die der Autor hier verwendet, äußerst gelungene Schilderungen der Kinderschar, ihrer Verwicklungen und der dunklen Bedrohungen aus der Erwachsenenwelt, etwa durch den Mann ohne Gesicht, einen rätselhaften Kriegsheimkehrer. Wie die Figuren in der spießigen Augsburger Vorstadtsiedlung zusammenhängen, wie es sich anfühlt, dort Kind zu sein, wie die Erwachsenen durch den Alltag kommen, das wird so dermaßen plastisch geschildert, daß man alles als Film fertig vor sich sieht – zumindest bis zu dem Punkt, an dem man merkt, daß aus diesem Buch so leicht ganz bestimmt kein Film werden kann, aus Gründen, die hier nicht genannt werden sollen. Kein leichtes Buch, ganz und gar nicht, keine heitere Ferienlektüre. Aber meisterhaft erzählt. Lesen Sie nicht die Amazon-Rezensionen, die verraten zuviel von der Handlung und nehmen den ganzen Spaß, wie so oft. Ein grandioses, düsteres Buch. Beziehungsweise, wie die schöne Nachbarin sagte: „Also du hast wirklich einen sehr seltsamen Geschmack.“

Georg Klein: Roman unserer Kindheit. Das Buch erschien in diesem Jahr und beginnt so:

„Es blutet und blutet. Und weil diese Kinder – da mitten in meinem Sommer! – noch allesamt mit starken Augen geschlagen sind, so lange, bis ihnen die aufstrebenden Götter, bis ihnen der kleine Schrecken des Sex und des Schwarzweiß des Fernsehens den Blick lindern werden, sieht der Ältere Bruder das Blut von der Ferse auf den Asphalt tropfen, als liefe ihm eine Wabe seiner Seele aus. Noch tut es nicht weh. Unter der Saugglocke des Schocks spürt er nicht einmal, wie heiß der Granit des Bordsteins an seinem Ellenbogen bereits ist. Weicher als Bärendreck, weicher als die Lakritze, die er allen anderen Süßigkeiten vorzieht, wird der Teer der Fugen in den nächsten Stunden werden. Am Glanz kann man ihm dieses Erweichen schon ansehen. Bald läßt er sich ganz leicht aus seiner Rille heben und schwärzt die Hornhaut der Sohlen auf eine besonders nachhaltige Weise, wenn man barfuß auf ihn tritt.“

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