Bücher, die man aus eigentlich unerfindlichen Gründen noch nicht gelesen hat, obwohl alle sie gelesen haben, obwohl sie gut sind, obwohl sie in Nachbarklassen sogar auf dem Lehrplan standen, obwohl man den Inhalt schon mitsingen kann, weil er längst zum Allgemeingut geworden ist, auch durch Verfilmung. Seltsam. Walter Kempowski: Tadellöser & Wolff. Mit Kempowski hatte ich früher ein wenig Pech. Als ich mich vor langer Zeit in einem Smalltalkgespräch unter Studenten gegenüber einer höchst attraktiven jungen Frau betont lässig und abfällig über ihn äußerte, obwohl ich ihn nie gelesen hatte, teilte sie mir in nicht eben freundlichen Worten mit, daß sie ihn erstens für ein Genie halte und zweitens gerade seine Assistentin sei. Unsere Beziehung hat sich dann nicht weiter vertieft.

Der Roman erschien zuerst 1971 und ist natürlich ungemein lesenswert. Klare Sache und damit hopp. Für den eigenen Schreibstil ist er aber ein Desaster, weil sich die typischen Wendungen ins Gehirn fräsen und immer wieder abspulen, da ist das Schreiben dann hinterher völlig verbumfeit. Durch solche Bücher muß man schnell durch, dann ist der stilistische Einfluß hoffentlich bald wieder erlederitzt. Gut dem Dinge! Der Roman beginnt so:

„Morgens hatten wir noch in der alten Wohnung auf grauen Packerkisten gehockt und Kaffee getrunken (gehört das uns, was drin ist?). Helle Felder auf den nachgedunkelten Tapeten. Und der große Ofen, wie der damals explodierte. Zu Mittag sollte schon in der neuen Wohnung gegessen werden. Die Zimmerpalme wurde dem Gärtner geschenkt, die würde man nicht mehr stellen können. Wunderbar, wie die sich in all den Jahren entwickelt hatte. Den gelben Onkel nahm man mit, mit dem gab es ab und zu „hau-hau!“ Schön würde es werden in der neuen Wohnung, wir würden schon sehn: zauberhaft. Vom Balkon eine Aussicht – wonnig. Und keine Öfen zu heizen, das war auch was wert.“

%d Bloggern gefällt das: