Besuch

Ein Wochenende im nordostwestfälischen Heimatdorf. Die Herzdame fährt mit den Söhnen und den Großeltern am Nachmittag ins Schwimmbad in der kleinen Stadt in der Nähe, ich bleibe zuhause und stelle ein Projekt fertig. Eine Arbeitsteilung, mit der ich leben kann, schließlich werde ich nicht gerne naß. Die Internetverbindung lahmt und bockt allerdings, Dateien wollen nicht aufgehen, das Notebook und die Maus mögen sich auch nicht mehr, es scheint kein idealer Tag zum Arbeiten zu sein. Ich wandere etwas im Haus umher und sehe mir den regendurchweichten und frühherbstlichen Garten vor den Fenstern an. Zertretene Pflaumen im Gras, windzerfetzte Sonnenschirme.

Da kommt ein Mann den Feldweg entlang auf den Hof zu. Ein alter Mann, er geht an einem Stock. Alt und gewichtig, er trägt einen bedeutenden Bauch vor sich her. Kantige Figur, kräftige Schultern, gerade Haltung. Er setzt die Schritte mit Mühe und Bedacht, er macht alle paar Schritte eine kleine Pause. Schlägt ab und zu kleine Steinchen mit seinem Stock vom Weg in den Graben. Er hat seine Prinz-Heinrich-Mütze tief in die Stirn gezogen, sonst trägt er nur Hose, Hemd und Sandalen, keine Regenjacke, keinen Schirm, keine Stiefel, man ist hier wetterfest, in dieser Gegend. Ich kenne den Mann nicht, aber es wird einer von den alten Bauern aus dem Dorf sein. Er sieht sich den Acker neben dem Weg ganz genau an, stochert auch hier und da einmal etwas mit dem Stock in der braunen, klumpigen Erde, in der überall die welken Halme des längst abgeernteten Weizens stecken. Schließlich kommt er langsam auf den Hof und steuert auf den alten Gartenstuhl bei der Garage zu, der dort steht, weil man von da aus so gut über die Felder sehen kann. Läßt sich ächzend hineinsinken und starrt den Horizont an, hinten, bei dem kleinen Wäldchen. Sonst passiert nichts. Ich sehe mir den Mann an, ich koche mir einen Kaffee, ich hole mir Kekse, der alte Mann sitzt und guckt. Ich trinke meinen Kaffee. Schließlich kommt Uropa aus dem Haus und geht schlurfend zu dem Mann hin, er hat gerade Mittagsschlaf gemacht und ist noch etwas steifbeinig. Er stellt sich neben den Mann, der nicht einmal hochsieht. Uropa sagt „Moin“ und der alte Mann sagt „Jo“, das ist so etwas wie die Essenz des nordostwestfälischen Smalltalks. Sie sehen beide über die Äcker, lange. Dann schütteln sie gleichzeitig den Kopf. Wären sie Briten, sie würden jetzt lange über das Wetter reden. Hier reicht es, gemeinsam den Kopf zu schütteln. Sie sehen noch eine Weile über die Felder, dann wuchtet sich der schwere, alte Mann wieder aus dem Stuhl hoch und lehnt sich auf seinen Stock. Uropa dreht sich um und geht wieder ins Haus, der andere geht langsam, mit bedächtigen Schritten über den Hof zurück zu dem Feldweg, dahin, wo er hergekommen ist. Noch eine halbe Stunde lang kann ich ihn sehen, wie er langsam nach Hause wandert. Ein Regenschauer jagt über ihn weg, nichts an seiner Haltung ändert sich.

Alte Freunde muß man hin und wieder besuchen.