Ein Notfall

Vor dem Hamburger Hauptbahnhof steht ein Mann mittleren Alters, dessen flackernde Augen und schaukelnde Haltung auf einen etwas unangemessen üppigen Alkoholkonsum für den frühen Morgen hinweisen. Gepflegte Freizeitkleidung mit sportlicher Note, er sieht aus wie einer jener typischen Hamburgtouristen, die nach einer Nacht auf der Reeperbahn mit einem eklatanten Mangel an Schlaf, Geld, Contenance und Körperbeherrschung aus dem Hotel im Bahnhofsviertel zum morgendlichen Zug zurück in die Heimat in der Provinz schwanken. Der Aufzug leicht derangiert, die Stimmung angeschlagen, aber doch noch in etwa gesellschaftsfähig. Nur daß dieser Mann hier nicht mehr recht vorwärts kommt, sondern mit dem Rücken an der Außenwand des Bahnhofs lehnt und mit sich selbst spricht, wobei er wild gestikuliert und offensichtlich schwierige Fragen abwägt. Zwischendurch ruft er, wenn seine Argumentation in einer Sackgasse endet und er eine Weile mit offenem Mund und stierem Blick in den Himmel schweigend dagestanden hat, wiederholt laut um Hilfe. Und es wird sicher nur an der etwas speziellen Formulierung seines Hilferufs liegen, daß ihn all diese Menschen ignorieren, die um ihn herumgehen, sogar die von der Polizei oder vom privaten Sicherheitsdienst des Bahnhofs, sogar die freundlichen Damen von der Bahnhofsmission, die sonst auch einmal solche Hilferufe wahrnehmen, die  nur leise gedacht werden.. Aber dieser Mann hier ruft nicht nach der Polizei, nach einem Arzt oder nach anderem notfalltypischen Beistand. Er ruft in der Stimmlage höchster Verzweiflung nach einem Scheidungsanwalt.

Wochenende

Und drüben im Westen ist wieder ein neues Wochenhoroskop von mir online. Viel Spaß.