An dem großen Aschenbecher vor dem Eingang des Hamburger Hauptbahnhofs steht ein Raucher, der sich so tief in seine unförmige, vollkommen überdimensionierte Winterjacke mit Kapuze vergraben hat, daß man nicht einmal erkennen kann, ob es ein Mann oder Frau ist, ob jung oder alt. Krümmt sich vor Husten, taumelt und  schwankt.  Hält sich am Aschenbecher fest, raucht noch einen Zug. Krümmt sich, hustet wieder, daß man es für das letzte Geräusch seines Lebens halten könnte. Rührt mit der Schuhspitze in seinem Auswurf.  Die schwarzen Taxifahrer aus der Frühschicht, die daneben stehen und sich gegenseitig die Weltlage erklären, Zeitungen austauschen und dabei frierend Kaffee trinken, gehen lieber ein paar Schritte weiter weg.

Aus dem Bahnhof kommt mir ein Mann im Geschäftsanzug entgegen. Ein Rollköfferchenmann im Zustand fortgeschrittener Auflösung. Krawatte auf Halbmast, Hemd aus der Hose, der Mantelgürtel schleift auf dem Boden. Er geht sehr schnell und sieht sich häufig um. Ändert plötzlich die Richtung, geht eine Treppe halb hoch, kommt wieder runter. Geht ein paar Meter durch die Halle, dreht sich planlos um sich selbst. Hält sein Handy ans Ohr und brüllt hinein: „Wenn ich es doch aber einfach nicht finde, verdammte Scheiße!“ Er klingt nicht betrunken.

In der Bahnhofshalle am S-Bahngleis etliche blasse, abgekämpfte Jugendliche in Kapuzenpullis, die hier umsteigen, um die Nacht endlich zu beenden. Zurück in die Vorortzüge. Kämpfen gegen die Übelkeit und den Restalkohol, halten sich krampfhaft an Rolltreppengeländern fest, klopfen sich auf die Schultern und berichten Heldentaten. Ey, hassu gesehen, ey.  Keine Mädchen dabei. Nur sehr müde Krieger.

Am Croissantstand ein verfrorenes Paar in besserer Abendgarderobe, sie scheinen sich gerade zu verabschieden. Sie will losgehen, er hält noch ihre Hand, küßt ihre Hand. Sie lächelt, sie bleibt stehen. Sie unterhalten sich noch etwas. Dann geht sie wieder einen Schritt zurück, er hebt schon eine Hand zum Winken. Da streichelt sie zum Abschied noch eben seine Wange und er greift unvermutet hektisch nach ihrer Hand, als hätte ihm ein Regissseur aus dem Off  ein entnervtes  „wird’s bald, du Knallcharge!“ zugerufen. Sie lacht wieder. Nettes Lachen, denke ich, und eine schöne Frau ist es auch. Wenn man mit einer Frau eine ganze Nacht aus war und am Ende so angelacht wird, dann könnte man durchaus in Erwägung ziehen, sie zu küssen. Der Mann küßt wieder und wieder, allerdings bleibt er bei der Hand. Die Frau lächelt und sieht ihn nachdenklich und ein wenig ratlos an.

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