Als er heute morgen aufwachte, erzählte mir Sohn I, daß der Heilige Martin einmal einen ganz armen Mann getroffen habe, also so richtig arm, mit ohne alles, wobei ihm, also dem Heiligen Martin, dann sehr kalt geworden sei. Und daraufhin habe er seinen Mantel geschreddert, und das war ziemlich nett von ihm. Sohn I nickte nachdrücklich. Er hatte seine etwas stakkatohafte Erzählung schön schräg auf seinem neuen Kinderakkordeon begleitet und ließ den Schluß mit einem langen, dunklen Ton ausklingen. Dann sah er mich nachdenklich an und fragte, was die Geschichte, die ihm da im Kindergarten erzählt wurde, eigentlich soll.

Ich versuchte, mehr als ein halbes Auge aufzubekommen, ich sah zur Uhr,  es war fünf Uhr dreißig. Ich habe viele seltsame Interessen, aber die Beschäftigung mit Heiligenlegenden vor dem ersten Kaffee gehört nicht dazu. Das Kind guckte mich fragend an, ich riß mich zusammen. Es ging um Bildung, hier war Einsatz gefordert. Der Heilige Martin also, im Prinzip eine immerhin einfache Geschichte vom Mitleid. Er hat einen Mantel, er hat ein Schwert, der andere friert, Mantel geteilt. Geteilt, nicht geschreddert, übrigens. Voll nett. Geschichte aus. Ich sank zurück in die Kissen. Sohn I sagte: „Was?“

Ich erklärte es noch einmal, ganz langsam. Kleinkindgemäß. Der Heilige Martin auf dem Pferd, ein edler Ritter. Am Straßenrand ein armer Mann, der gar nichts hatte. Einer viel, einer wenig, Teilen. Teilen ist toll. Schwert, Mantel, zack, heilig. So schwer war das ja nun auch nicht zu verstehen. Die Herzdame murmelte schlaftrunken unter ihrer Decke hervor: „Heiliger Martin. Supertyp.“ „Ja, danke“, sagte ich, „vielen Dank für die wertvolle Unterstützung.“ Sohn I sah zwischen uns hin und her und nickte. Er schien es jetzt verstanden zu haben. Fein, dachte ich, wieder ein Kind in christlicher Tradition erzogen, was bin ich wieder auf der Höhe der Zeit. Sohn I faßte die Quintessenz der Geschichte noch einmal zusammen: „Wenn man seine Sachen kaputtmacht, dann ist das sehr nett.“ Er nickte noch einmal. Die Moral war ihm ein Rätsel, aber wenn sein Vater das meinte, dann mußte es wohl auch so sein.

Wenn er den nächsten Reißverschluß an einer seiner Jacken wieder mit roher Gewalt zerlegt und ich böse gucke, wird er mich bestimmt gerne daran erinnern.

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