Im Altonaer Theater, übrigens gleich neben dem Altonaer Museum, das der Hamburger Senat bekanntlich gerade schließen möchte, läuft noch bis 07. November „Tadellöser & Wolf“. Der Roman von Kempowski wurde von Axel Schneider, dem Intendanten des Hauses, für die Bühne bearbeitet. Das Stück ist, so schreibt das Hamburger Abendblatt, „brav“, und der Rezensent dort meinte das im Sinne von flau und flach. Wie fast immer ist es sehr leicht, mit dem Hamburger Abendblatt nicht einer Meinung zu sein. Mir hat der Abend sehr viel Spaß gemacht. Das Stück ist selbstverständlich eng am Roman, wenn das denn die Definition von brav ist, dann sollten solche Stücke und übrigens auch alle Literaturverfilmungen bitte stets kreuzbrav ausfallen. Das Bühnenbild von Ulrike Engelbrecht beinhaltet diverse erkennbare Gegenstände, wenn das die Definition von brav ist, kann ich damit auch ganz gut leben. Die Schauspieler kamen ohne das Versprühen von Körperflüssigkeiten durch das Stück, auch das halte ich nach diversen anderen Erfahrungen mit großen Hamburger Bühnen für durchaus akzeptabel. Wenn das brav ist, mir ist es recht.

Hannelore Droege in der Rolle der Mutter ist ein Erlebnis, schon dafür lohnt sich übrigens der ganze Abend, und zwar sehr. Ich kannte den Roman, ich kannte den Film, der Theaterabend war dennoch eine vollkommen sinnvolle Ergänzung. Man möchte sich sofort mehr Romane in dieser Art bearbeitet wünschen.

Vor Beginn der Vorführung stand ich mit der Herzdame an der Garderobe und besah mir die Menge der hereinströmenden Gäste. Es war, was mich im Theater in Hamburg immer wieder verblüfft, kaum ein Mensch unterhalb der Rentengrenze zu sehen. Ich bin Mitte vierzig und bestimmt nicht mehr als jung zu bezeichnen, aber hier trug ich doch erheblich zur Senkung des Altersdurchschnitts bei. Sehr seltsam. Als ob Theater eine Seniorenangelegenheit wäre.

Das Publikum gleichwohl liebenswert hamburgisch. Es gibt da eine Stelle im Stück, an der die Mutter der Familie sich über die Bayern wundert, die sie auf ihrer mißlungenen Hochzeitsreise kennengelernt hat. Sie sagt, daß das ja nun alles sehr komische Leute seien und überhaupt: „ … daß das nun auch alles Deutsche sind!“ Als das Stück für die Bühne geschrieben wurde, konnte man sicherlich von Seehofers aktuellen Ausfällen noch nichts ahnen, aber dieser eine Satz sorgte gestern tatsächlich für nicht eingeplanten minutenlangen Szenenapplaus. Da mag man seine Stadt doch wieder sehr.

%d Bloggern gefällt das: