Hejo

Sohn I hat eine besondere Vorliebe für deutsches Liedgut. Er kann verblüffend viele Texte auswendig und er ist sehr daran interessiert, beständig noch weitere zu lernen. Wann immer die Herzdame oder ich etwas herumträllern, fragt er genau nach, welches Lied das gerade war, wie das hieß, warum er das noch nicht kannte und ob man es nicht bitte jetzt sofort zehnmal wiederholen könne. Englische Popsongs lehnt er bisher kategorisch ab, deutsche Schlager scheinen ihn ebenfalls eher nicht zu interessieren – aber Volks- und Kinderlieder nimmt er wahllos und gierig in sein Repertoire auf.

So lernt man als Erwachsener die ganzen Texte neu oder auch zum ersten Mal, staunt über die vielen zweiten und dritten Strophen, die man nie vorher wahrgenommen hat, aber jetzt endlich nachliest und wird dafür tagelang von den fürchterlichsten Ohrwürmern geplagt. Und hat zwischendurch ganz besondere nostalgische Momente, weil man natürlich zu all diesen Liedern auch Erinnerungen hat. Erinnerungen an den Kindergarten, an die Grundschule, an den Schulchor. An Klassenfahrten, an Omas Geburtstage, an die Kindermusikschule. Unvergeßlich, wie wir in der Grundschulde jeden verdammten Morgen „Im Frühtau zu Berge“ singen mußten, wozu wir, in gerader Linie ausgerichtet, die Arme vor dem offenen Fenster kreisend zu bewegen hatten, um uns so frische Luft in den Klassenraum hereinzukurbeln. Unvergeßlich auch die späteren wochenlangen Versuche eines Französischlehrers, aus einem verstockten Rudel pubertierender Ignoranten eine bühnenfähige Version von „Sur le pont d’Avignon“ für ein Schulfest herauszubekommen. Unvergeßlich, wie ich im Orgelunterricht an einem Monster von Heimorgel wieder und wieder Ännchen von Tharau spielen mußte und nie erfahren habe, wer das denn bloß war.

Und irgendwas war auch an „Hejo, spannt den Wagen an“ unvergeßlich, ich kam nur heute morgen zuerst nicht darauf, was es war. „Denn der Wind treibt Regen übers Land! Holt die goldnen Garben, holt die goldnen Garben“ sang die Herzdame beim Duschen. „Was sind Garben“, fragte Sohn I. „So ging der Text?“ fragte ich und hatte ein seltsames Gefühl dabei. Irgendetwas stimmte hier nicht. Ich pfiff ein paarmal die Melodie nach, ich sang den alten Text, und dann fiel es mir erst wieder ein. Als ich etwa 12 Jahre alt war, da haben wir dieses Lied anders gesungen. Mit anderem Text, mit sehr viel anderen Leuten zusammen und auf der Straße. Damals hieß das: „Hejo, leistet Widerstand, gegen das Atomkraftwerk im Land! Schließt euch fest zusammen…“ Ich sang vergnügt den alten Demo-Text, die Herzdame sah mich erstaunt an. Diese Version kannte sie nicht. „Die andere Version ist aber richtig“, sagte sie kopfschüttelnd.  Wir sangen das Lied noch einmal, sie den historischen Text, ich die nicht ganz so alte Version. Sohn I summte unverbindlich die Melodie mit und wartete die weitere Entwicklung vorsichtshalber erst einmal ab. „Es ist ein Volkslied“, sagte die Herzdame entschieden und sang „hejo, spannt den Wagen an…“noch einmal. Ganz langsam, damit der Sohn auch alles mitbekam.“Gut“, sagte ich, „ist ja richtig.“

Ich ging mit den Söhnen zum Kindergarten. Vor dem Haus nahm ich Sohn I auf meine Schultern und sang ihm raunend vor: „Hejo, leistet Widerstand…“ Denn es ist ein Volkslied. „Volkslieder, das sind sind übrigens Lieder, die schon die Väter gesungen haben“, erklärte ich.