Es ist grau, es regnet. Es schmuddelt, wie der Hamburger sagt.  Die ganze Stadt ist schlecht gelaunt, in den S-Bahnen sehen sich die Menschen noch finsterer an als sonst. Verschränkte Arme, regennasse Schultern, böse Blicke unter Kapuzen. Verfrorene Raucher vor den Bürohäusern, unter Schirmen weggeduckt, ein Bild des Elends. Touristen, die die Kameras gar nicht erst auspacken. Es wird den ganzen Tag nicht recht hell, man  möchte am liebsten im Bett liegenbleiben und sich Spekulatius liefern lassen. Wenn man nur könnte. Niemand kann.

Der alte Mann in der Wohnung neben unserer ist vor drei Monaten gestorben, einen klassischen, einsamen Großstadttod. Er hatte schon seit Jahren kaum noch Kontakt zur Außenwelt und war kaum ansprechbar, nur ein Sozialarbeiter besuchte ihn gelegentlich. Als der auch nicht mehr hineingelassen wurde, kam die Polizei, brach die Tür auf und fand ihn. Seine Katze hatte knapp überlebt, drei, vier Tage neben der Leiche. Garfield. Der Tierfänger hatte es nicht einfach mit ihm. Der Bestattungsunternehmer freute sich, daß der Sarg in Fahrstuhl paßte. Nachbarn stellten eine Kerze ins Treppenhaus, so ein Grablicht. Wochenlang passierte dann nichts, die Wohnung war amtlich versiegelt, wahrscheinlich suchte man nach Erben, Verwandten, Freunden.

Vor ein paar Tagen fing die Hausverwaltung an, die Wohnung zu renovieren. Alles wird herausgerissen, die Küche, das Bad, der Boden, die Tapeten, alles. Der alte Mann hat lange dort gewohnt, die Wohnung war in keinem guten Zustand mehr. Verlebt nennt man das dann wohl. Vor dem Haus ein großer Container, in den die Arbeiter die Möbel und Habseligkeiten werfen. Korbstühle mit großen Löchern im Geflecht, speckige Matratzen. Alte Regale mit ausgebrochenen Schrauben, zerschlissene Teppiche. Ein mattblauer Katzentransportkorb, krümelige Reste vom Trockenfutter darin. Oben auf dem ganzen Krempel ein umgedrehter Rollator im Regen, den hatte er nie benutzt, er ging immer ohne, stocksteif, aber doch ganz flott. Kaputte Regenschirme, gleich mehrere. Ein Waschbecken, zersprungen und sehr dreckig. Ein uralter Computerbildschirm, heraushängende Kabel. Gebrochene Bretter von einem Schrank, herausgerissene Trümmer vom Parkett. Eine verblichene Regenbogenfahne. Der große Container ist offen, die Sachen liegen im Regen und weichen durch, Pappe schmiegt sich klebrig an Holz. Pfützen in Scherben von Blumentöpfen. Unter allem eine Schicht aus undefinierbarem Schutt. Graue Pampe. Mittendrin in dem Gerümpel ein bunt leuchtender Karton, rote Farbe auf strahlendem Weiß, schon dem flüchtigem Blick kommt das Design bekannt vor. Ich sehe im Vorbeigehen genauer hin: Monopoly. Das Spiel, original verpackt, noch eingeschweißt. Der einzige farbige Gegenstand in dem ganzen trüben Müll.

Ein alter Mann, der schon seit Jahren nicht mehr an der Welt teilnahm. Ein unausgepacktes Monopoly. Dahinter eine Geschichte, die keiner mehr erzählen wird. November eben. Es ist grau, es regnet.

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