Da der November noch nicht unterhaltsam genug ist (wie hier bereits kurz angerissen), wird nun noch das Haus nebenan abgerissen. Das Haus nebenan ist nun nicht irgendein Häuschen, sondern ein ziemlich üppiger Bürokomplex, der, damit es auch richtig Spaß macht, auf unserem Badezimmer aufliegt. Wie das genau gehen soll, das Ding wegzuhauen, ohne unsere Wohnung zu demolieren, das können wir uns noch nicht recht vorstellen, aber, wie zu befürchten steht, wir werden es merken. Immerhin müssen wir nicht sehr lange mit Belästigungen rechnen, die folgende Bauzeit wird nur auf zwei bis drei Jahre veranschlagt. Im Moment sind die Arbeiter anscheinend dabei, das Haus nebenan von innen zu perforieren, jedenfalls kann man es sich fast nicht anders vorstellen. Sie beginnen um 7 Uhr 30, mit dem Preßlufthammer zu arbeiten – und sie hören um cirka 17 Uhr 30 damit auf. Mit etwas Glück machen sie eine kleine Mittagspause. Um 7 Uhr 30 morgens gehe ich aus dem Haus, ich öffne die Tür und der Lärm fängt an. „Bauarbeiter“, sagt Sohn I anerkennend und setzt sich solidarisch einen Helm auf, er findet das Geräusch ganz ansprechend.  Seit ein paar Tagen trägt er fast immer Helm.

„JA“, sagt die Herzdame, „SUPER BAUARBEITER“. Die Herzdame arbeitet zu Hause, sie hört den Lärm den ganzen Tag, während die Söhne und ich zumindest ein paar Stunden außer Haus sind. Seit ein paar Tagen spricht sie nur noch in Großbuchstaben mit uns. „Noch ein Kuß, Mama“, sagt Sohn I zu ihr und sie küßt ihn in Großbuchstaben. Ja, das geht. „Schönen Tatatatatatatag“, sage ich. Ich rede im Gegensatz zur Herzdame noch ganz normal, ich passe mich nur allmählich dem dauerhaft vibrierenden Gebäude an.  „DANKE“, sagt die Herzdame. Sie gibt mir einen SCHMATZ, ich gebe ihr einen Kukukukukukukuß, wir entdecken ganz neue Formen der Zärtlichkeit, es ist eine Zeit der Freude.

So demoliert der Abriß allmählich unsere Gehirne, einzig Sohn II wirkte bis gestern vergleichsweise unbeeindruckt. Er schläft bei dem Krach seelenruhig ein, er spricht weiter ganz normal, was aber auch kein Kunststück ist, wenn der Sprachschatz gerade mal drei Wörter umfaßt. Ich dachte schon, der Abriß würde ihm nichts ausmachen. Bis er gestern abend mit erstaunlichem Kraftaufwand, dem man einem Einjährigen gar nicht zutrauen würde, eine Fußleiste aus dem Laminat riß und eine Weile über der Schulter durch die Wohnung trug, wobei er noch breitbeiniger ging als ohnehin schon. Kurz darauf warf er im Kinderzimmer den Kaufmannsladen von Sohn I um, bevor er brummelnd ins Bad ging und mit einem Ruck den Duschvorhang abriß. Wir überlegen momentan, ihn morgens nicht mehr in der Kita, sondern einfach auf der Baustelle abzugeben, wo sich auch sein großer Bruder mit dem Helm ganz gut machen würde.

Die Herzdame sagt: „FAST ALLE MEINE VORFAHREN WAREN IM BAUGEWERBE“. „Ja“, sage ich „ das papapapapapaßt schon.“

Werden wir den Abriß mental überleben? Werde ich trotz allem noch weiter Texte produzieren können? Die Spannung steigt. Warten Sie es ababababababab.

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