1. Advent

Wir haben eine Krippe gekauft, die Söhne müssen schließlich mit gewissen Traditionen vertraut gemacht werden. Robustes Holzspielzeug, da kann man auch bei Kleinkindern nicht viel falsch machen. Das Jesuskind in der Krippe ist immerhin so groß, daß es nicht von Sohn II verschluckt werden kann, wir haben an alles gedacht. Bunt purzeln die Teile aus der Schachtel, Sohn I fixiert den Haufen eine Sekunde lang und stellt umgehend mißbilligend fest: „Ochs fehlt.“ Während alles, was Hörner hat und halbwegs nach Milchvieh aussieht normalerweise bei ihm unter Kuh läuft, wird im Weihnachtskontext plötzlich alles zu Ochs, denn im Stall standen nun einmal Ochs und Esel, es soll keiner sagen, alte Texte hätten keine Macht mehr. „Ochs fehlt“, sagt Sohn I noch einmal und die Herzdame sagt lachend, der wird sich schon anfinden. Stimmt aber nicht, der Ochs ist in dieser Krippenspielversion tatsächlich getauscht worden. Gegen ein Kamel.  Das ist der Weltgegend, in der die Geschichte spielte,  wahrscheinlich angemessen, für Sohn I ist die Sache aber damit schon gelaufen. Er schnippt einen der Hirten lustlos durch das Wohnzimmer und murmelt unentwegt vom fehlenden Ochsen, den er aus bisher ungeklärten Gründen für die wichtigste Figur an der Weihnachtserzählung hält. Sohn II kaut währenddessen auf Maria herum, die sich von Josef seltsamerweise nur durch eine angemalte Schürze unterscheidet. Die Herzdame setzt den geschweiften Stern von Betlehem auf das Dach des Stalls, Sohn I sieht zu und sagt immerhin anerkennend: „Cool, mit Raketenstern“.

Wir balancieren das Ensemble auf das Sofa, damit die Kinder sich alles genau ansehen können, ich hebe an zur genauen Erklärung der einzelnen Figuren, da kommt  Sohn II über die Heilige Familie wie Godzilla über Tokio. „Nur Jussuf steht noch“, sagt Sohn I und zeigt auf das Jesuskind, dessen richtigen Namen er wie auch schon im letzten Jahr konsequent verweigert. Das Jesuskind steht in den Trümmern und lacht über beide roten Bäckchen. „Ja“, sage ich, „das nennt man dann das Weihnachtswunder.“ „OK“, sagt Sohn I und nickt. Im Grunde ist es ganz einfach, etwas Tradition zu vermitteln.