In der S-Bahn steht ein Mädchen,  vielleicht ist es auch eine sehr junge Frau, sie telefoniert. Was sie spricht, ist nicht zu überhören, ihre Stimme ist nicht eben leise, außerdem ist sie wütend, sehr wütend. Die Hand mit dem Handy verschwindet zwischen mehreren Schals und einer riesigen Mütze, über der noch eine Kapuze liegt, aber sie schimpft wie ein Rohrspatz, man kann jedes Wort verstehen. Sie spricht gebrochen Deutsch, den Akzent kann ich nicht zuordnen, ihr Aussehen hilft auch nicht weiter, blond, blauäugig. Von irgendwo aus Europa, nach Skandinavien klingt es eher nicht. Sie sagt, daß sie immer sehr vorsichtig gewesen sei, auch schon als Kind, und das es deswegen nicht sein könne, daß man ihr jetzt so eine Rechnung zuschickt, für einen Vertrag, den sie angeblich vor sechs Jahren abgeschlossen haben soll. Hey, da war sie erst 14! Das müsse man sich mal vorstellen. Verträge mit 14, das ginge ja gar nicht, so doof sei sie nun auch wieder nicht und überhaupt, immer sehr vorsichtig, mit allem, aber extrem, weißt du, gerade aber auch mit Verträgen und so. Und auch sonst! Immer aufgepaßt. Voll das vorsichtige Mädchen. Wie Luchs oder was sagt man hier? Nie was unterschrieben, sie war ganz echt voll vorsichtig, praktisch ihr Leben lang, immer total die Angst gehabt, irgendwas könne Folgen haben. Weil, sie hatte immer Schiß davor, wegen irgendwas jahrelang Ärger zu haben, das ist schon so vielen Freunden passiert, das glaubst du nicht. Und mit 14, das wisse sie noch ganz genau, die Zeit, da sei sie ja gerade von Zuhause abgehauen und dann in die Wohngruppe, an das Jahr könne sie sich sehr gut erinnern, wie gestern, weißt du.  Und jetzt wollen die 600 Euro, für einen Dienstleistungsvertrag, was immer das auch sei, das müsse man sich mal vorstellen. Irgendwas mit Handy. Nach sechs Jahren! Und sie könnte schwören, sie habe in diesem Jahr nichts unterschrieben, weil erstens eh immer super vorsichtig gewesen – die anderen Passagiere drehen sich jetzt entnervt nach ihr um, diese Passage kann wirklich keiner mehr hören, es hat ja längst jeder verstanden, was für ein vorsichtiges Mädchen sich da durchs Leben schlägt – und zweitens, ey, mit 14, da gelten Verträge doch noch gar nicht, so blöd sei sie nun auch wieder nicht. Sie hat im Leben auch schon ein paar Sachen gecheckt, und drittens, an dem Datum, auf das der Vertrag angeblich ausgestellt sei, da hat sie bestimmt nichts unterschrieben, das Datum kenne sie ganz gut, haha, das sei nämlich voll exakt Geburtstag von ihre erste Sohn. Weißt du Bescheid.

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