Ich sehe den Schnee auf dem Dachfenster, ich denke Schnee, dann drehe ich mich um und gehe am Bücherregal vorbei, wobei mein Blick auf ein Buch mit dem Titel „Schnee“ fällt. Gut, denke ich, du willst also gelesen werden, denn einen Zufall gibt es bei so etwas natürlich nicht. Alexander Lange Kielland, ein norwegischer Autor des neunzehnten Jahrhunderts, von dem ich ansonsten keine Ahnung habe, im Grunde weiß ich nicht einmal, wie dieses Buch in mein Regal kommt. „Schnee“ ist eine Novelle, sie wurde übersetzt von Marie Leskien-Lie und Dr. Friedrich Leskien und erschien zuerst 1886. Sie beginnt so:

„Wenn der Schnee fällt nach einem Sturm – dicht, schwer und gleichmäßig – Vertiefungen ausfüllt und Spitzen und scharfe Kanten mit seiner gleichmachenden Decke überzieht, mutet uns da der Gedanke nicht seltsam an, daß dies dasselbe Wasser ist, das rauschen und springen kann, das im Wasserfall als Rauch aufsprüht und in strömenden Wogen seinen Weg findet, hinaus ins blaue Meer?“ Und dort draußen – wenn die Sommersonne sich spät und langsam hinter den letzten glänzenden Streifen im äußersten Westen verbirgt, wo das Meer seinen bahnlosen Weg rings um die Erde schlingt, da begreifst du nicht leicht, daß die frischen, goldgeränderten Wogen, worin die Fische spielen und das Leben gedeiht, daß dies dasselbe Wasser ist, das als schwerer, toter Schnee drückend auf den Dächern der Häuser lastet, Bäume und Zweige niederbeugt und die Wege zwischen den menschlichen Wohnungen versperrt.“

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