Ich wurde in einem Interview nach meinen guten Vorsätzen für das Neue Jahr gefragt. Ich habe geantwortet, dass ich aus dem Alter heraus sei, mich damit abzugeben und habe erst danach ein wenig darüber nachgedacht. Ich bin Mitte vierzig, in den besten Jahren, wie manche sagen. Eigentlich bin ich jetzt erst allmählich in der Lage, wirklich einschätzen zu können, was in einem Jahr machbar ist und was nicht. Ich kenne mich lange genug, ich kenne die Welt ein wenig, ich habe etliche Illusionen verloren – ich müßte viel besser als ein junger Mensch mit guten Vorsätzen umgehen können. Ich kenne meine Schwächen, ich kenne meine Ausflüchte, ich weiß um die Widrigkeiten des Alltags. Ich könnte mir gute Vorsätze überlegen, die beinhart monatelang Bestand hätten. Nicht so ein fluffiges Zuckerwattezeug, wie es ein Siebzehnjähriger am Silvesterabend produziert, kein rosa Gewölk. Eher so kleine, mittelgraue Gebrauchsvorsätze. Ein wenig freudlos vielleicht, aber machbar. Nicht gerade weise, aber doch etwas abgeklärt. Nicht euphorisch, eher einer statistisch legitimierten Hoffnung folgend. Auf die Mitte zielend. Ich könnte mich vor den Spiegel stellen, meine Vorsätze aufsagen und mich dann freundschaftlich selbst korrigieren: „Na, mein Lieber, die Hälfte davon reicht auch, was? Wir wollen nicht wieder übertreiben. Oder doch besser nur ein Viertel?“ Und von diesem verbleibenden Viertel der Vorsätze würde ich dann auch noch etwas abziehen, je nach Promillewert des Abends. In meinem Alter fällt man nicht mehr auf eine Partystimmung herein.

Und übrig bliebe dann nach all den Kürzungen und Korrekturen der feste Wille, am nächsten Morgen aufzustehen, und so weiterzumachen wie bisher. Ich glaube, ich bin wirklich aus dem Alter raus.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Neujahrsausgaben der Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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