Wann immer ich in meinen Texten, sei es im Blog, auf Facebook oder auf Twitter, erwähne, dass ich ein Franzbrötchen frühstücke, gibt es Menschen, die nachfragen. Menschen, die nicht wissen, was ein Franzbrötchen ist, Menschen, die das Wort nie gehört haben, Menschen die – man kann es sich als Hamburger schwer vorstellen – etwas anderes zum Frühstück essen. Ein Franzbrötchen ist einfach zu erklären, es ist in erster Linie ein Frühstück. Der hanseatische Körper braucht morgens ein Franzbrötchen und einen Kaffee und sonst nichts, das ist hier vergleichsweise einfach geregelt, der Hamburger hat schließlich seit Jahrhunderten einen Hang zur Effizienz und Vereinfachung. Wer braucht 20 Produkte auf dem Frühstückstisch, wenn eines reicht. Wer braucht überhaupt einen Frühstückstisch, wenn man das Franzbrötchen doch auch essen kann, während im Büro der Computer hochfährt.

Franzbrötchen kommen tatsächlich aus Hamburg und heißen eventuell so, weil sie dem französischen Croissant nachempfunden sind. Vielleicht aber auch nicht. Es gibt ein Buch darüber, da kann man das genau nachlesen, ein Buch über ein Brötchen. Kann auch nicht jedes Gebäckstück von sich behaupten. Franzbrötchen verbreiten sich aus unklaren Gründen nur sehr schleppend in das restliche Deutschland hinein oder gar ins Ausland. Es gibt eine Seite, auf der diese Ausbreitung, dieser Siegeszug im Schritttempo, akribisch festgehalten wird, da wurde zum Beispiel gerade ein Franzbrötchen aus Singapur gemeldet.

Das Franzbrötchen ist ein Plundergebäck, sagt Wikipedia, mit Zimt und Zucker.

Der Hamburger Angestellte kauft sich morgens auf dem Weg zur Arbeit ein Franzbrötchen, seit ein paar Jahren auch einen Kaffee zum Mitnehmen dazu. Wenn man hier morgens an einem beliebigen S-Bahnhofkiosk verschlafen und schlecht gelaunt „Franz Latte“ murmelt, dann hält das niemand für eine Vorstellung, dann bekommt man ganz selbstverständlich ein Brötchen und einen Latte Macchiato to go.

Touristen, die das Hamburger Frühstück probieren, verfallen dem Geschmack in aller Regel augenblicklich und vermissen in ihren Heimatstädten fortan diesen Genuss schwer. Hamburger, die aus Karrieregründen die Stadt wechseln und versehentlich in ein Gebiet ziehen, das franzbrötchenmäßig unerschlossen ist, kehren in aller Regel bald nach Hause zurück.
Allerdings stehen Touristen oft ratlos vor den Auslagen der Bäckereien oder Kioske und staunen über die zahlreichen Sonderformen der Franzbrötchen. Welches nimmt man wann? Was ist richtig? Ich liste hier als Serviceleistung die Sonderformen kurz auf und gebe die jeweilige Zielgruppe an. Wenn Sie Hamburg besuchen, und wer würde das nicht irgendwann tun, sortieren Sie sich einfach in die richtige Gruppe ein und alles wird gut. Wenn Sie sich für einen normalen Menschen in normaler Lebenssituation halten, dann kaufen Sie ein normales Franzbrötchen. Ansonsten:

1) Rosinenfranz: Ist partiell süßer als die ohnehin zuckrige Normalausgabe, nämlich immer dann, wenn man auf eine Rosine beißt. Es ist nicht dramatisch süßer, wie etwa ein Schokofranz (siehe dort), sondern nur ein wenig. Ein fein dosierter Extragenuss. Menschen, die Rosinenfranz kaufen, nehmen es gerne genau und achten auf Maßeinheiten. Sie haben sich im Griff und neigen zur Exaktheit. Menschen, die Rosinenfranz kaufen, sind im Zeichen der Jungfrau geboren und werden im Volksmund auch gerne Korinthenkacker genannt. Nun wissen Sie auch warum. Andererseits ist ein Rosinenfranz natürlich besser als gar kein Obst.

2) Streuselfranz: Der Kalorien-Gau, wie Butterkuchen mit Sahne oder Karamell in Honig. Menschen, die Streuselfranz kaufen, neigen zu Übertreibungen, nicht nur bei ihrem Körpergewicht. Eine falstaffmäßige Lebenslust kennzeichnet die Streuselfranzesser, man erkennt sie leicht am Gewicht. Wer Streuselfranz kauft, möchte eigentlich Sachertorte zum Frühstück. Nur die gesellschaftliche Konvention hält ihn davon ab.

3) Schokofranz: Das Brötchen für die Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Frisch verlassene Ehemänner oder –frauen, IT-Experten kurz vor dem Launch eines neuen Programms, Medienmenschen kurz vor dem finalen Abbau ihrer Redaktion, Studenten kurz vor dem Abschluss ihres hektischen Studiums. Schichtarbeiter im Morgengrauen, Eltern von zahnenden Babys, Autoren oder Übersetzer zwei Tage vor Manuskriptabgabe, freie Social-Media-Berater, die von einem Großkonzern angerufen wurden. Das Schokofranz ist ein Panikbrötchen, die Zielgruppe sind nervliche Wracks aller Art. In anderen Städten kaufen Eltern für ihre Kleinkinder in Apotheken sogenannte Notfallbonbons oder -tropfen, die sie in besonderen Krisensituationen beruhigen sollen, in Hamburg kauft man einfach Schokofranz.

4) Vollkornfranz: Der gesunde Snack für zwischendurch. Für Eltern mit hungrigen Kindern, die unterwegs abgefüttert werden müssen. Denn ein Franzbrötchen ist kein Kuchen, enthält daher auch per definitionem keinen Zucker und Vollkorn ist sowieso super. Viele Hamburger Babys dürfen bis zum vollendeten ersten Lebensjahr keinen Zucker essen, nur hin und wieder ein Franzbrötchen. Darüber lacht hier niemand, das ist Ernst. Über Franzbrötchen macht man keine Witze. Das Vollkornfranz schmeckt gleichzeitig süß und freudlos, das Hamburger Kleinkind wird damit bereits im Kinderwagen auf die Ambivalenz des Lebens vorbereitet. Erwachsene, die freiwillig Vollkornfranz essen, haben auch sonst an nichts Spaß und neigen zu Depressionen.

5) Franzbrötchen mit Kürbiskernen, genannt Kürbisfranz: Für den Mann ab Mitte 40. Wird gerne betont leise bestellt. Gibt es auch von Ratiopharm.

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