Ich liege mit Sohn I im Bett, die abendliche Vorlesezeit ist schon vorbei, nun liest jeder für sich selbst. Er braucht oft noch ein paar Bücher, bis er abends müde genug ist. Ab und zu steht er auf und holt sich neuen Stoff aus dem Regal, tapst wieder zurück zu mir und liest konzentriert weiter. Ich lese einen Roman, er liest Bilderbücher. Aus dem Kinderbettchen neben uns schnarcht Sohn II, der hat mit der Abendlektüre noch nichts im Sinn, der schläft, sobald er sein Kissen berührt. Sohn I blättert hin und her, murmelt bei vielen Büchern den Text über weite Strecken auswendig mit, zeigt hier und da auf ein Bild und sucht nach bisher übersehenen Details, einen Vogel am Himmel, eine Maus am Waldboden. Sohn I und die Bücher, das ist eine große Liebe.

Dann kommt ihm ein Buch in die Finger, das noch nicht lange im Haushalt ist, kurze Geschichten über den Mut, dargestellt an typischen Kinderproblemen. Man weiß nie, wann man so etwas einmal braucht, haben die Herzdame und ich neulich im Buchladen gedacht. Er schlägt es auf und sieht sich das erste Bild an, da hockt ein gezeichneter Junge in fortgeschrittener Panik auf einem Bett, umklammert seinen Teddy und guckt ängstlich nach unten. Unter dem Bett, aus dem Schwarz des schaurigen Schattens heraus, zwei große, böse Augen. Der Klassiker eben, ein Monster unter dem Bett. Sohn I sieht sich das Bild an. Dann fragt er mich irritiert: „Unter meinem Bett ist aber nichts, oder?“ „Nein“, sage ich, „das hat der Junge da bestimmt auch nur geträumt.“ Sohn I beugt sich über den Bettrand und sieht lieber ganz genau nach. Nichts. Dann guckt er sich das Bild im Buch noch einmal an und denkt lange nach. „Ohne das Buch hätte ich doch gar nicht an ein Monster unter dem Bett gedacht“ sagt er dann sichtlich verärgert, „da war ja noch nie eins.“ Er schiebt das Buch energisch aus dem Bett, als würde er mit der gleichen Bewegung auch das Bild aus seinem Kopf schieben können. Aus Sicherheitsgründen steht er jetzt aber doch noch einmal auf, kniet sich neben das Bett und inspiziert den Raum darunter. Dann krabbelt er schnell wieder hoch zu mir, legt sich in meinen Arm, zieht die Decke hoch und teilt mir mit, was ihm gerade zum ersten Mal im Leben auffällt: „Bücher können ja super blöd sein.“

„Ja“, sage ich und mache das Licht aus, „das ist leider vollkommen richtig.“

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