Minus acht Grad am frühen Morgen, mit Frühling ist mitten im Februar nicht unbedingt zu rechnen.  Ich sehe angewidert auf das Thermometer, dem Thermometer ist das egal. Ich sage der Herzdame, dass es draußen verdammt kalt sei, die Herzdame weist jede Zuständigkeit von sich und sagt, sie müsse ja nicht raus.  Ich stopfe die Kinder in Schneeanzüge, bringe sie zur Kita und gehe dann zu Fuß zur Arbeit, der Mensch braucht Bewegung, sagt man, gerade bei diesem Wetter.  Wer viel draußen ist, wird weniger krank, wer bei jedem Wetter viel draußen ist, der friert weniger und  ist fitter. Sagt man. Ich stehe im Nordwind an der Ampel einer Riesenkreuzung, ein Thermometer in einem Apothekenschaufenster sagt minus 10. Ich denke, dass man auch sagt, dass Scott die Kälte nicht überlebte und vergrabe mich tiefer in meiner Jacke.  Ich zittere mich durch den Tag, ich werde handgreiflich, als Kollegen versuchen zu lüften, ich krieche  am Abend unter drei Decken und starte einen literarischen Rettungsversuch. Einfach ein Buch aus einer möglichst heißen Gegend lesen, gute Sommerbeschreibungen, glühender Süden, das macht dann schon warm von innen.  Grazia Deledda, einer der eher vergessenen Nobelpreisträgerinnen, eine Sardin. Zu Sardinien fällt mir nicht viel ein, Insel, Italien, da unten  irgendwo, nette Landschaft vermutlich.  Bestimmt brennt auf den ersten Seiten schon irgendwo die Sonne. „Zia Maria“, erschien zuerst 1896, wurde übersetzt von Hans-Norbert Hubrich und beginnt so:

„Pietro Benu blieb einen Augenblick lang vor der Kapelle des Rosario stehen. Erst ein Uhr, dachte er, vielleicht noch zu früh, um bei der Familie Noina vorzusprechen-. Sie werden womöglich schlafen. Reiche Leute können sich solche Annehmlichkeiten leisten. Er zögerte, setzte dann aber seinen Weg fort und wandte sich in Richtung Sant‘ Ussula, am äußersten Ende von Nuoro.  Es war Anfang September. Die Sonne brannte noch immer erbarmungslos auf die menschenleere Straße.“

Immerhin, da brennt tatsächlich die Sonne. Überzeugend warm wird einem dennoch nicht, aber die Liebesgeschichte, die sich auf den folgenden Seiten zwischen Knecht und Herrin entwickelt, die ist dann doch eine schöne Ablenkung vom Hamburger Winterrest, keine Frage.  Etwas irritierend vielleicht, dass ich bei einer Liebesszene, die während der Birnenernte spielt, plötzlich wahren Heißhunger auf Birnen bekomme, und nicht etwa auf die beschriebene sardische Schönheit, die die Früchte in der Schürze trägt, aber egal. Vermutlich ist es auch dafür zu kalt.

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