Ein kleiner Moment

Das Kinderturnen ist vorbei, das Licht in der Turnhalle geht aus. Die ersten Kleinen sind schon wieder umgezogen und entfliehen den entnervten Müttern, die noch fluchend in der Umkleidekabine sitzen und wirr durcheinanderfliegende Kleidungsstücke zu entwirren versuchen, ausgelaufene Saftflaschen wieder verschließen, Kekskrümel auflesen und Kinderwagen bepacken oder Babys wickeln.  Die angezogenen Kinder rennen ungeduldig zur Tür, sie wollen jetzt raus, sofort. Sie drücken mit vereinten Kräften dagegen, die Tür fliegt krachend auf, ein wilder Pulk stürmt kreischend und lachend die paar Stufen runter auf den Schulhof, ein Knäuel  wirbelnder Kleinkinder mit offenen Jacken, nicht gebundenen Schnürsenkeln und sehr schief aufgesetzten Mützen. Abrupt bleiben sie alle vor dem Kirschbaum stehen, der schlagartig  aufgeblüht ist und in voller Pracht da steht, eine unerwartete Frühlingsorgie in sattem Rosa. Die Kinder stehen für eine Sekunde mit offenem Mund, dann rennen sie zum Baum. Ohne jede erkennbare Absprache zerfällt der Kinderhaufen spontan in zwei Teile. Die Mädchen pflücken Blüten von den Zweigen, stecken sie sich ins Haar, bestaunen sich kichernd, drehen sich voreinander um und säuseln in den höchsten Tönen, man versteht Begriffe  wie etwa „Prinzessin“ „Zauberschmuck“ und „Schön“ und „Wunderwunderschön“.

Die Jungs haben den Baum gar nicht erreicht, sie sind vorher bei dem großen, eisernen Mülleimer stehengeblieben, der neben der Kirsche an das Schulhofgeländer gekettet ist. Sie treten den Eimer johlend um, rasseln mit der Kette, suchen im verstreuten Inhalt nach essbaren Resten, treten Verpackungen über den Hof und bewerfen sich schreiend mit angenagten Äpfeln. Man versteht Begriffe wie „Abschießen“, Beute“ und „Kanonen“ und „Piraten“.