Im Kindergarten der Söhne wurde ein neues pädagogisches Programm eingeführt, „Papilio“. Ich habe mich bisher kaum mit dem Inhalt beschäftigt, aber es geht darin jedenfalls um Sucht- und Gewaltprävention. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist der entscheidende Aspekt, dass den Kindern vermittelt wird, wie man über Gefühle reden kann. Zu diesem Zweck werden Figuren vorgestellt, kleine niedliche Kobolde, die für Gefühle stehen. Es gibt zum Beispiel den Freudibold, der also, wie man unschwer raten kann, ein glückliches Kind, bzw. dessen Stimmung darstellen soll. Weiter gibt es den Zornibold, der für eine aggressive Laune steht, den Heulibold für die traurige Stimmung und den Bibberbold für die Angst. Wir haben schon gemerkt, dass dieses Programm bei den Kindern bestens ankommt, denn wenn man einen der Kleinen jetzt spaßeshalber Zornibold nennt, wird er auf der Stelle richtig sauer, um nicht zu sagen gewaltbereit. Das mag nicht im Sinne der Erfinder sein, aber es funktioniert. Kinder sind pragmatisch. In der Gruppe müssen sie mit den Erzieherinnen lange diskutieren und rollenspielen, wie man dem armen Heulibold denn wieder friedlich zu einer besseren Stimmung verhelfen kann, aber sobald sie das Umfeld der Erzieherinnen verlassen, wird der Begriff einfach umgehend auf die Schmähung reduziert. Das Erheiternde an Pädagogen ist ja immer, dass sie glauben, den Kindern voraus zu sein.

Die Herzdame und ich brachten die Söhne ins Bett, in dem einen Fall gegen erheblichen Widerstand, in dem anderen Fall nicht. „So“, sagte ich, als alles erfolgreich vollendet war, „Zornibold und Freudibold sind im Bett, wir können wohl wieder an die Schreibtische.“ Die Herzdame lauschte noch an der Kinderzimmertür und fragte mich flüsternd, ob der Zornibold sich nicht gerade in einen Heulibold verwandelt hätte, aber es blieb dann nach einer Weile doch still im Kinderzimmer. Dann stellten wir beide fest, dass es wirklich furchtbar sei, wie sich solche Programme auf den sprachlichen Alltag auswirken können. „Das ist die Pest“, sagte die Herzdame, „wir müssen diese Begriffe schnellstens wieder loswerden, man macht sich sonst noch lächerlich, wenn man sie auf der Straße benutzt. Oder beim Bäcker.“ „Genau“, sagte ich, „das geht so nicht. Was hat dieser Pädagogenslang überhaupt in unserer Wohnung verloren? Der gehört in den Kindergarten und sonst nirgendwo hin!“ Und wir nahmen uns fest vor, diese unseligen Begriffe wieder aus unseren Gesprächen zu streichen. Die Herzdame nickte entschlossen, denn wo ein Wille ist, ist auch eine Wortvermeidung. Man schafft es zum Beispiel doch auch, explizit unanständige Formulierungen nicht vor den Kindern zu benutzen. Manchmal jedenfalls. Auch in der Sprache des Alltags treffen wir täglich Entscheidungen und es ist gut und empfehlenswert, ab und zu darüber nachzudenken, was man so von sich gibt, besonders natürlich, wenn man mit der Sprache arbeitet, so wie ich. Es heißt ja auch Sprachschatz und nicht Sprachhaufen. „Schön“, sagte ich und nahm sie in die Arme. „Jetzt, wo wir das geklärt haben, können wir das Thema ja abhaken, wieder wie Erwachsene reden und in Frieden arbeiten. „ Sie gab mir einen Kuss und ging an ihren Schreibtisch. „Und übrigens“, rief ich ihr nach, „wenn Du heute nicht zu lange am Schreibtisch sitzt, kannst du dich nachher im Bett noch mit Kraulibold treffen.“ Ich sah sie erwartungsfroh an.

Bei guter Führung, sagte sie heute, darf ich bald wieder im Ehebett schlafen.


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