Viele Eltern von zwei Kleinkindern sind nervlich zerrüttet, aus nachvollziehbaren Gründen.  Der Nachwuchs beansprucht einen nonstop, die Nächte sind kurz oder extrem kurz, die Wohnung sieht aus wie ein Affenhaus und das Spielzeug und die Lebensmittel fliegen tief.  In unserem kleinen Bahnhofsviertel laufen etliche Menschen herum, die besonders fertig aussehen, hier gilt die einfache Regel:  hat der Mensch ein Kind dabei, ist es wahrscheinlich ein Elternteil, hat er kein Kind dabei, ist es wahrscheinlich ein Junkie.  Auch ich war  bis vor kurzer Zeit eher unentspannt, übermüdet und gestresst. Bis ich auf die Sache mit dem Mohn kam.

Wenn ich die Söhne morgens in den Kindergarten bringe, nehme ich Sohn II auf die Schultern, denn dann kann Sohn I in den Buggy. Das ist pädagogisch unklug, denn Sohn I ist zu groß für den Buggy und soll gefälligst selbst laufen, aber ich habe es morgens eilig und keine Zeit für besondere Klugheit. In den Intelligenzmodus wechsele ich erst später am Tag. Ich trage und schiebe die Kinder die Straße entlang, ich halte beim Bäcker und kaufe ein Mohnbrötchen. Das Brötchen wird geteilt, beide Kinder fangen an zu weinen, weil sie die falsche Hälfte bekommen. Ich reiche die Brötchenhälften so lange hin und her, bis beide zufrieden sind, der eine mümmelt dann im Buggy, der andere auf meinen Schultern.  Die Tränen trocknen.  Ich gebe die beiden im Kindergarten ab und hetze zur Arbeit. Ich mache meinen Computer an, ich lehne mich zurück. Ich nehme einen Schluck grauenvollen Bürokaffees und betaste meine Kopfhaut. Das ist ein seltsames und faszinierendes Gefühl, denn wenn ein Kind Mohnbrötchen über einem isst, dann krümelt das – und wie. Ich fummele mir die kleinen schwarzen Krümelkugeln aus dem Haar, es rieselt auf die Schreibtischplatte. Ich stupse sie an und lasse sie durcheinander rollen, sie stoßen sich wie beim Miniaturbillard an und kugeln zwischen Tastatur und Maus hin und her. In den wenigen Momenten, in denen es im Büro ganz still ist, höre ich sogar das ganz feine Klickern der kleinen Kugeln. Wenn zu viele über Bord gehen hole ich mir einfach Nachschub vom Kopf, der Vorrat reicht stundenlang. Ich verstehe jetzt, warum Schimpansen sich stundenlang lausen, es beruhigt einfach ungemein. Alle paar Millimeter haben die Finger etwas zu tun, ich versenke mich in die Kunst des kontemplativen Kratzens. Ich habe vor etwa zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört, aber erst jetzt weiß ich, wie ich meine Hände den ganzen Tag sinnvoll beschäftigen kann, während ich Telefonkonferenzen lausche oder auf Fehlermeldungen in Programmen starre.  Mohn beruhigt, das weiß man, da hätte ich längst drauf kommen können, aber ich musste erst heiraten und zwei Kinder kriegen, um so dermaßen tiefenentspannt durch einen Bürotag zu kommen.

Wenn Sie nervös und fahrig sind, wenn Sie an Ihrer inneren Unruhe zu scheitern drohen – legen Sie sich doch einfach Kinder zu. Es dauert ein paar Jahre, aber es wirkt.


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