Früher hat man sich im Sommer draußen getroffen, und man hat gar nichts dabei gegessen. Oder man hat ein Picknick gemacht oder Käsebrote gegessen, das war  in meiner Kindheit und Jugend ganz normal. Wenn man heute im Sommer draußen ist und ein zweiter Mensch kommt dazu, dann wird zwanghaft gegrillt. Immer. Schönes Wetter, zwei oder mehr Menschen – Holzkohle! Billigfleisch! Ein soziales Erlebnis unter freiem Himmel ohne schwarz verbranntes Fleisch ist praktisch nicht mehr denkbar. Fleisch minderster Qualität wird solange erhitzt, bis es eine finstere, krebserregende Kruste hat, dann wird es mit Unmengen von Saucen gegessen, Saucen aus Zutaten, die man lieber niemals lesen möchte. Das kann man gerne mal machen, es gibt aber überhaupt keinen Grund, das pausenlos zu machen, den ganzen Sommer lang, an jedem freien Abend. Grillen wird, man muss es endlich einmal laut sagen, geradezu dramatisch überschätzt und wenn man sieht, in welchem Ausmaß an Sommerabenden die Aluschalen der Einweggrills durch die Natur fliegen, dann möchte meinen, die ganze Nation habe einen veritablen Grillklaps. Man geht durch die rauchenden Reste der Fleischverbrennung, man möchte den Menschen zurufen, mehr Brote zu essen, denn das geht einfacher, schmeckt besser und ist billiger, aber egal. Die Welt wird nicht besser, wenn man älter wird, soviel steht fest, sie wird nur anders. Wenn es so weitergeht, werden wir uns in wenigen Jahren komplett von Grillfleisch ernähren, die Feuer werden durchgehend brennen und die Saucen wird man an Tankstellen zapfen können. Meine Enkel werden mich fragen, was ich früher abends ohne Grillfeuer gemacht habe. Ich werde in ein Museum gehen, auf alte Tupperdosen zeigen und ihnen sagen: „Guckt mal – da waren die Brote drin.“

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostseee-Zeitung.

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