Sohn I hat jetzt ein Skateboard. Wenn Dreijährige Skateboardfahren geht das so: Er teilt mir in hysterischem Tonfall mit, dass er heute skateboardfahren möchte. Da ich dazu rein theoretisch nein sagen könnte, gerät er bereits bei der Frage etwas in Panik und weint schon einmal ein wenig, quasi prophylaktisch. Ich beruhige ihn und erkläre, dass wir ruhig Sport machen könnten, gar kein Problem. Dummerweise tut sich der Sohn aber jetzt schon so sehr selber leid, dass er erst einmal ausführlich getröstet werden muss. Dann suchen wir beide das Sportgerät, dass er am Abend vorher Gott weiß wo gelassen hat. Das dauert etwa zwanzig Minuten, schließlich finden wir es in einem Blumentopf vor der Haustür, logisch eigentlich, wo auch sonst. Er sieht es sich genau an und diskutiert mit mir zum wiederholten Male die Bebilderung der Rückseite, da ist nämlich ein stilisierter Saturn drauf und ein Außerirdischer, beides macht ihm schwer zu schaffen. Wieder und wieder wägt er die Ähnlichkeiten von Außerirdischen, Monstern und Schnecken ab, immer noch einmal erstaunt ihn die Ähnlichkeit von Planeten mit Bällen und Ringen. Ich erkläre geduldig das Dargestellte, er fasst es schließlich stolz mit „auf meinem Skateboard sind zwei Welträume“ zusammen, es vergeht eine weitere halbe Stunde. Dann suchen wir den Helm, dann suchen wir den Rest des Zubehörs, alles findet sich an strategisch verteilten und etwas überraschenden  Stellen des Haushalts. Wir gehen auf den Platz vor der Kirche, da kann man ganz gut üben, da üben auch die Großen, die schon Waveboard fahren und auf kleine Skater mitleidig herabsehen. Ein Waveboard ist noch toller als ein Skateboard, also müssen wir den Großen erst einmal eine Weile zusehen, immerhin verkörpern sie den nächsten Karriereschritt, da muss man schon genau aufpassen. Dann könnten wir eigentlich anfangen, mit dem Skateboard zu üben, allerdings sind gerade keine Kumpels von Sohn zu sehen, und welchen Sinn hätte es denn bitte, ohne Zuschauer auf einem Skateboard zu stehen. Wir warten ein Weilchen, bis die Jungs vorbeikommen, dann legen wir den Helm an. Klick und fertig, so ein Helm geht tatsächlich schnell. Dann fehlen nur noch Handgelenkschoner, Knieschoner und Ellenbogenschoner, wobei die letzteren fast gleich aussehen. Ich denke des längeren darüber nach, was da wohl wie und wohin gehören könnte, welches links und welches rechts, welches oben, welches unten, währenddessen gehen die Jungs gelangweilt lieber erst einmal Ball spielen. Nachdem ich das Rätsel der diversen Schoner gelöst habe und das Ballspiel endlich vorbei ist, fummele ich die Teile über die Arme und Beine von Sohn I, was verblüffend schwierig ist und mit wilden Diskussionen verbunden ist, ob alles wirklich so gehört, gefolgt von dem Vorwurf, die Rüstung würde an diversen Stellen kratzen. Ich justiere alles endlos, bis der kleine Held zufrieden ist, dem allerdings jetzt etwas unter dem Helm juckt, der also noch einmal herunter muss. Helm ab, Helm auf. Dann endlich der große Moment: Er geht zu seinem Skateboard, sieht sich um, ob auch alle gucken, steigt darauf, sieht sich noch einmal um und wackelt dann dezent mit dem Po. Das Skateboard bewegt sich dadurch langsam etwa vier Zentimeter nach vorne. Sohn I lässt sich johlend fallen, rollt theatralisch über den Boden, steht wieder auf und fragt seine Freunde atemlos: „Das war cool, oder? War das cool?“ „Ja“, sagen die Freunde und nicken tatsächlich mit verbindlichem Ernst, das sei wirklich sehr cool gewesen. Ob sie jetzt denn auch mal dürften? Sohn I hält ihnen das Skateboard gönnerhaft hin. Ich schlichte kurz darauf eine Schlägerei unter den Kandidaten, die natürlich alle gleichzeitig fahren wollen. Nachdem in endlos erscheinenden und beinharten Verhandlungen eine Reihenfolge der nächsten Sportler festgelegt wurde, fange ich an, die Rüstung von Sohn I zu pflücken, denn man kann fremde Kinder ja schlecht ohne Helm und Schoner auf ein Skateboard lassen. Ich nehme Sohn I alles ab, der dabei darauf besteht, dass die Druckstellen an seinen Armen und Beinen eingehend gewürdigt werden. Ich lege einem seiner Kumpel alles an. Der Kumpel fängt dabei noch einmal an, mit mir zu diskutieren, welches Teil wo genau hingehört, er hat zu allem eine sehr eigene Meinung. Als er fertig ausstaffiert ist, fragt er mich nach einem Spiegel, er möchte bitte wissen, wie er aussieht, wer könnte das nicht verstehen. Einen Spiegel habe ich aber nicht, also versucht er, sich in den Glastüren der Kirche zu betrachten. Das ist allerdings gar nicht so einfach, da muss man erst etwas herumexperimentieren, um den richtigen Winkel zu finden. Dann stolziert er über den Kirchenvorplatz, springt er einmal über das Skateboard und fragt seine Freunde, ob das cool war. Ja, sagen die Freund einhellig, sehr cool. Das wollen sie jetzt alle auch einmal machen. Sie sehen mich erwartungsvoll an. „Wir fahren Skateboard!“ ruft Sohn I der vorbeigehenden Nachbarin zu, Triumph in der Stimme.

Als wir das Skateboard gekauft haben, da hatte ich noch gedacht, das sei ja ein außerordentlich praktischer Sport – einfach drauf und zack. Keine Vorbereitungszeit, keine Verabredungen, keine Komplikationen. Na, was man eben so denkt.


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