Gestern also in Eutin gelesen. Das ist für mich, der ich ja eine gewisse Aversion dagegen habe, auch nur meinen Stadtteil zu verlassen, schon eine besondere Aktion. Ich bin mit dem Zug gefahren. Mit dem Zug fahre ich nur äußerst selten, ich finde das immer sehr interessant. Ich weiß, dass die meisten Leser wahrscheinlich irgendeinen aktuellen Grund haben, über die Bahn zu jammern, ich habe aber  in der Regel Glück. Meine Züge fahren wundersam pünktlich in die richtigen Orte, das Zugpersonal ist normal freundlich, die Klimaanlage funktioniert und die Wagen sind beleuchtet. Vermutlich ist es angeboren, in Zügen Glück oder Pech zu haben. Ich finde meine Mitreisenden meistens auf die eine oder andere Art spannend (siehe dazu auch der alte Bericht „Mit dem Nussknacker nach Heiligenhaus“) und werde gewöhnlich bestens unterhalten. Vollkommen unvergesslich etwa die alte Bäuerin, die einmal auf einer Fahrt nach Husum neben mir saß und ihrer Freundin aus ihrem Leben erzählte. Den wunderbaren Satz „früher war mein Mann bei jeder Besamung dabei“ vergesse ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht. Nachdem sie damals den Hof verkauft hatten, erzählte sie, machten sie eine Hundepension auf, die sehr gut lief, bis ihr Mann anfing, hin und wieder wahllos Gäste zu vergiften, das hatte keine günstige Werbewirkung. Es dauerte eine Weile, bis sie darauf kam, dass ihm ein paar Drähte durchgeglüht waren, wie sie sagte. Sie erzählte es so, als hätte er eine nur mal eben eine Grippe gehabt.  Schicksale, man macht sich keinen Begriff. Sollte ich jemals keine Ideen für Geschichten mehr haben, ich würde einfach mit den Regionalexpresszügen in der Hamburger Region tagelang durch die Gegend fahren, das dürfte schnell für ein neues Buch reichen.

Im Regionalexpress nach Eutin sitzt ein älterer Herr neben mir, der mich darüber aufklärt, dass Eutin auch „Weimar des Nordens“ genannt wird, das hatte ich noch nie vorher gehört. Er erzählt, welche deutschen Klassiker da gewirkt haben, Komponisten, Maler, Dichter, der Mann kennt sich aus. Eine Frau neben ihm ist auf Besuch aus Süddeutschland, sie nennt ihren Heimatort, der alte Mann murmelt die wichtigen Bibliotheksnamen der Gegend, aus der sie kommt. Wir kommen ins Gespräch, ein paar Minuten später ist schon mein erstes Buch verkauft, frisch aus dem Rucksack, das erlebt man als Autor auch nicht gerade alle Tage. Eutin, denke ich, Eutin fängt ja nett an.

Ich kannte Eutin bisher nicht, deswegen bin ich extra früher hingefahren, damit ich es mir ein wenig ansehen konnte. Ein Ort von überzeugender Hübschigkeit. Der Schlosspark im Regen ein verzauberter Anblick, ich war der einzige Mensch weit und breit, nur ich und die klassischen Statuen. Ich wandere über aufgeweichte Wege durch den Park, mir ist wundersam entspannt zumute, meinem Anzug leider auch bald. Meine Schuhe sehen aus, als wäre ich zu Fuß aus Hamburg auf Schleichwegen nach Eutin gelaufen, ich flüchte in eine Kneipe und restauriere mich so gut es geht.

Ich habe mittlerweile einige Erfahrung mit Lesungen in Hamburg, deswegen kann ich Auswärtslesungen ganz gut mit den Heimspielen vergleichen. Nehmen wir an, in Hamburg wäre eine Lesung angesetzt, sie soll um 19:30 beginnen. Dann würden die Gäste ab 19:30 eintrudeln, vor der Tür stehen und rauchen und trinken. Gegen 20 Uhr würde man anfangen, als Veranstalter ein wenig zu drängeln, woraufhin etliche Menschen noch eine letzte Zigarette rauchen müssten. Um 20:15 würde man als Autor versuchsweise am Mikrophon das eine oder andere Geräusch produzieren, die Gespräche im Publikum würden langsam, betont langsam verstummen, man lässt sich hier nicht gerne hetzen. Bis etwa 20:30 wäre es noch eine etwas unruhige Lesung, denn die Gäste würden sich noch schnell mit Getränken versorgen, während die erste Geschichte vorgetragen wird. Auch die Lesung in Eutin war auf 19:30 angesetzt. Um 19:25 kamen alle Gäste im Gänsemarsch herein, nahmen sich ein Getränk, setzten sich auf die abgezählten Stühle, wurden schlagartig still und sahen mich erwartungsvoll an. „Wir sind komplett“ sagten die äußerst netten Veranstalter um 19:30 und nickten mir zu.

Wenn man in Hamburg nach der Lesung Bücher signiert, kommen die Menschen mit ihrem Exemplar an den Tisch, halten es einem aufgeschlagen hin und sagen etwas in der Art von: „Schreiben Sie bitte „Für Priscilla Molesworth aus Addlethorpe, mit herzlichen Grüßen, ja?“ Dann lässt man sich alles buchstabieren und schreibt dabei am besten so undeutlich, dass kleinere Schreibfehler nicht auffallen. Der nächste Leser möchte ein Buch für Cheyenne Kowalsky mit Ypsilon vorne und hinten, haha, und das geht so weiter. Keltische Namen, indische Namen, friesische Namen, finnische Spitznamen. In Eutin kamen die Menschen nach der Lesung auch an den Tisch, hielten mir das Buch hin und sagten: „Für Erika“. „Wie, nur für Erika?“ sagte ich verblüfft, ich wartete auf den Teil, der buchstabiert werden musste. „Nur für Erika“, hörte ich noch einmal. Und beim nächsten Leser: „Für Ulrike“. „Ulrike mit kh oder sonst irgendeinem Trick?“ fragte ich skeptisch. Nein, Ulrike einfach so. Keine Tricks in Eutin.

Eutin ist total super.

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