Ich habe einen Orientierungssinn wie ein Betonpoller, ich sollte besser nicht unvorbereitet in fremde Gegenden aufbrechen. Manchmal passiert es aber dennoch, dass ich meinen Stadtteil verlasse, vorher nicht genug Zeit hatte, mich zu präparieren und dann z.B. an einer unbekannten Bushaltestelle in vollkommen fremder Gegend herumstehe. Irgendwo im Industriegebiet. Lagerhallen, Bahngleise, Bauhöfe. Ich danke dem Himmel für den Fortschritt und sehe auf mein Handy, das hat Landkarten und Stadtpläne, heute muss sich keiner mehr verlaufen, heute weiß man immer, wo man ist. Theoretisch. Google Maps zeigt mir: Ich stehe am Ufer eines großen Sees. Ich sehe mich um: Kein See. Betonbrache, Asphalt so weit das Auge reicht, kein See. Ich gehe herum und rate Richtungen, Google Maps meint weiter, ich ginge am Ufer eines Sees entlang. Vielleicht war hier in der Steinzeit ein See? Vielleicht ist hier einer eingeplant? Google weiß in der Regel mehr als wir, warum sollte das im Städtebau nicht auch gelten? Ein Laster fährt vorbei, ich denke, es muss ein Schiff sein, denn Google sagt, er fährt über die große, blaue Fläche. Ich werde angerufen, man fragt, wo ich bleibe, die Geschäftspartner, mit denen  ich hier in der Nähe verabredet bin, werden unruhig. Ich sage, ich sei gerade erst am Seeufer. Ich höre, wie man sich im Hintergrund fragt, ob ich noch bei Trost sei. Ich sage, dass sei ja nicht meine Idee, sondern die von Google, ich höre die Stimme in der Leitung etwas von Hitze murmeln, und das es alle einmal erwischen könne. Ich werde gefragt, wann ich denn komme, ich sage gleich, ich müsste nur noch eben über den See gehen, aber kein Problem, das haben andere vor mir ja auch schon gemacht. Man legt grußlos auf.

Wir merken uns: Wenn man modernste Technik benutzt, wird man  nicht mehr unbedingt von allen verstanden.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.


 

 

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