Die Herzdame und ich haben fast nur auf langen Autofahrten Zeit, einmal in Ruhe zu reden. Die Kinder schlafen unweigerlich bald ein, während sich die Autobahn unter uns abspult, ich habe während der Fahrt zur Abwechslung keinen Computer auf dem Schoß, da kann man endlich auch einmal über Grundsätzliches reden oder schwierige Themen mit der gebotenen Gründlichkeit aufarbeiten. „Sag mal“, sagt die Herzdame irgendwo hinter dem Horster Dreieck, nachdem hinter uns gerade eben erst ein Kopf nach links und einer nach rechts in die Lehne gesackt ist. Ich entnehme ihrem Tonfall, dass es ernst wird und bereite mich seelisch auf das Schlimmste vor, womöglich will Sie mir berichten, was ihre letzten drei Verhandlungen mit der Elterngeldstelle ergeben haben. Das Thema Elterngeld hat bei uns eine solche wahnwitzige Komplexität angenommen, dass man eine Ausbildung machen muss, um auch nur ansatzweise durchzublicken. Ich denke an Colt Seavers und wünsche, ich könnte mich so elegant wie er aus dem fahrenden Auto werfen. Aber es kommt nicht so schlimm wie ich dachte.

„Sag mal, meinst du nicht, wir sollten mal wieder tanzen gehen?“ fragt die Herzdame und ich bin sehr erleichtert. Kein Problem, kein abgründiges Thema. Tanzen, ja klar, mal wieder einen Tanzkurs machen, warum nicht, damit haben wir früher immerhin Jahre zugebracht, die älteren Leser erinnern sich vielleicht dunkel, in einer Zeit, in der es hier noch nicht um Kinder ging. „Wann haben wir damit aufgehört?“ frage ich und denke nach, das muss ungefähr in der Mitte der ersten Schwangerschaft gewesen sein, das ist nun schon eine ganze Weile her, eine kleine Ewigkeit, als ihr Babybauch zu groß für die schnellen Drehungen wurde. Ich weiß von den Tänzen so gut wie nichts mehr, nur die elementaren Grundschritte, der Herzdame geht es nicht viel anders. Gelegentlich hören wir ein Stück im Radio und murmeln beide gleichzeitig „Quickstep“, das ist so eine Marotte aus der Tanzkurszeit, das man bei jedem Lied überlegt, was es sein kann und im Geiste dazu etwas herumtänzelt. Dann sehen wir uns an und uns wird sehr nostalgisch zumute. Natürlich würde es uns jetzt ziemlich schwerfallen, gemeinsam Zeit für einen Tanzkurs zu finden, aber andererseits wäre die Aussicht, noch einmal richtig gelungen durch einen Quickstep zu fliegen schon einige Mühe wert. Und Slowfox! Der Tanz, zu dem es praktisch keine schlechte Musik gibt! Ja, wir müssten es wirklich irgendwie hinbekommen, es ist grundfalsch, immer nur an die Schwierigkeiten zu denken, das führt einen nur in die Irre, diese negative Haltung. „Ja“, sage ich, „ein Tanzkurs nach all der Zeit wäre wirklich schön. Und Zeit zu zweit schadet bestimmt auch nicht.“ „Nein“, sagt die Herzdame, „wir sollten das wirklich machen.“ „Was möchtest du denn genau machen?“ frage ich und bin in Gedanken schon wieder auf dem Parkett. Auch ein Langsamer Walzer kann eine herrliche Erinnerung sein, wenn man etwas mehr kann, als nur den Grundschritt aus dem Basiskurs. „Tango Argentino“ sagt die Herzdame.

„Wenn ich so drüber nachdenke“, sage ich, „dann werden wir doch die Zeit sowieso nicht finden. Man soll so etwas nicht zu positiv sehen, das führt einen nur in die Irre.“


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