Wegholmer Mühle

Die alte Großtante, der die Mühle gehört, sitzt am Fenster und winkt, als wir mit dem Fahrrad vorbeifahren.  Sohn I kann jetzt fahrradfahren und die Gegend auf ganz neue Art kennenlernen, da kommen wir auch an Ecken des Dorfes vorbei, die wir sonst nicht besuchen. Wir halten an und fragen, ob wir die Mühle besichtigen können, ich war da noch nie drin.  Ja,  sagt sie, die Tür steht ja offen, kommt mal rein. Wir zeigen den Söhnen die Mühle, die schmalen Holztreppen im staubigen Dunkel, die großen Haken für die Säcke, die alte Waage, den Mühlstein, das verrostete Arbeitsgerät von damals. Sohn I zeigt uns einen toten Vogel unter der Treppe, die Schwerpunkte der Aufmerksamkeit gehen bei unserem Kulturprogramm manchmal leicht auseinander. Ich erkläre den Söhnen alles, was ich über Mühlen weiß, also ungefähr gar nichts. Immerhin wird da Mehl gemacht, so viel ist klar, und ein wenig über das Gebäude steht auch auf Zetteln an den Wänden. Sohn II ist beleidigt, weil er nicht bis ganz oben darf, aber da klafft ein Loch in den Bodendielen, durch das er prima passen würde. Sohn I  trägt sich ins Gästebuch der Mühle ein und ist beleidigt, weil er nicht auf jede Seite des dicken Buches eine Rakete malen darf. Wir schleifen die missgestimmten Kinder aus dem dunklen Gemäuer in den Sonnenschein vor die Mühle, wo die Großtante mit Schokolade wartet, zwei plötzlich sehr gut gelaunte Jungs laufen auf sie zu.  „Na, hat euch die Mühle gefallen?“ fragt sie. Sohn I sagt, dass sie ihm sehr gut gefallen habe, besonders der tote Vogel. „So, so“, sagt die Großtante, „wenn das mal keine Fledermaus war“. Sohn I findet die Mühle jetzt noch besser und möchte am liebsten sofort zurück, noch einmal genauer nachsehen.  Neben der Mühle steht ein kleines Fachwerkhäuschen, das historische Backhaus.  „Wollt ihr denn auch das Backhaus besichtigen?“ fragt die Großtante und beugt sich zu Sohn I herunter, der schon neugierig auf das kleine Häuschen sieht.  Er ist sichtlich neu begeistert von diesem Dorf, in dem es noch so viele Sachen von früher gibt, Ställe, Mühlen, Backhäuser, Störche auf den Wiesen, stromernde Katzen auf den Landstraßen, das ist ja nicht nur eine andere Gegend, das ist eine ganz andere Dimension als Hamburg. „Da machen wir den Kuchen“, sagt die Großtante, „da ist ein großer Ofen drin, in dem man sehr viel Kuchen backen kann.“  Sohn I läuft schon auf das Haus zu, quer über den Rasen, was interessieren ihn gepflasterte Wege, wenn es Abkürzungen gibt, schon gar, wenn es um Kuchen geht. „Lauf mal ruhig, mein Kleiner“, sagt die Großtante und Sohn I trabt weiter, „sieh dir alles an. Man kann sich ruhig darin umsehen.“ Sohn I ist schon fast am Haus, als sie mit einem kleinen Kichern leise, so dass er es gerade noch hören kann, hinzufügt: „…wenn die Hexe gerade nicht da ist.“ Und sie hat mit dem Satz zufällig genau den Moment getroffen, in dem Sohn I den alten Reisigbesen vor der Tür gesehen hat.

Die Bremsspuren seiner Füße im Rasen werden noch eine ganze Weile zu sehen sein. Auf dem Land ist eben auch mit ganz anderen Gefahren zu rechnen als in der Stadt.

 


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