Als ich etwa achtzehn Jahre alt war, trug ich eine Weile grün gefärbte Haare, um besonders revolutionär, nonkonformistisch und wild auszusehen. Bloß nicht in der Masse untergehen, um Himmel willen nicht wie andere sein. Ich ließ mir Ohrlöcher stechen und trank im Bus Bier aus Dosen. Ich hörte laute Musik aus Cassettenrekordern, die ich auf der Schulter herumtrug. Ich lungerte in Fußgängerzonen herum, zusammen mit den ganzen anderen jungen wilden Individualisten, die alle genau so aussahen, wie ich und die gleiche Musik hörten. Ich erkläre meinen staunenden Lehrern die Vorzüge der Anarchie, ich hing nächtelang auf Partys herum und ernährte mich von Tiefkühlpizza. Das war alles in allem recht anstrengend, aber das musste so sein, viele werden das kennen. Was hat man damals alles veranstaltet, nur um irgendwie aufzufallen! In der Rückschau hat man ein wenig Mitleid mit sich selbst, wenn man etwa ein Foto aus der Jugendzeit sieht. Dieser provokant sein sollende Blick, der heute nach simplem Kinderschmollen aussieht. Diese wilde Pose, die heute einfach albern wirkt. Schlimm.

Ich hatte gerade Geburtstag. Die Kollegen in meinem Alter haben alle grau melierte Schläfen. Wir tragen alle recht ähnliche Anzüge, wir kaufen die Hemden im gleichen Laden. Wir haben Frau und Kinder, demnächst brauchen wir eine Lesebrille. Wir machen ähnliche Arbeit. Und doch bin ich immer noch der wilde Abweichler, der Revoluzzer vom Dienst. Ich muss beim Smalltalk vor einem Meeting nur gelassen auf eine Kleinigkeit hinweisen, die mich aus der Masse heraushebt: „Nein, Kollegen, ich golfe immer noch nicht.“ Und ihre staunend erhobenen Augenbrauen bestätigen mich in dem schönen Gedanken: Ich bin immer noch eine coole Sau. Es war nie leichter als heute.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.



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