Da die Kindergeburtstage bei uns im Doppelschlag stattfinden, haben wir zum Herbst hin eine ungewöhnliche Häufung neuen Spielzeugs im Haushalt. Nicht ganz überraschend, dass die Söhne in leichter Überforderung die neuen Freuden erst einmal ignorieren und verstärkt mit den alten Sachen spielen. Da freut sich manch altes Schiebeauto, das es noch einmal zum Einsatz kommt und endlich richtig Strecke machen kann, während die frischen Geschenke noch ein paar Wochen im Regal warten müssen. Währenddessen spricht Sohn II jeden Tag mehr, die beiden Söhne können sich also allmählich auch immer besser unterhalten und abstimmen. Die Zeiten, in denen die beiden im Kinderzimmer verschwinden und sich alleine amüsieren, sie werden länger und länger. Erwachsene sind dabei nicht unbedingt erwünscht und wenn man wissen will, was die beiden treiben, muss man sich anschleichen wie die Indianer bei Karl May. Dann allerdings kann man faszinierende Szenen beobachten, denn selbstverständlich spiegeln die Kinderspiele die Gesellschaft, siehe hierzu übrigens auch Heinrich Heine, in dem wundervollen Gedicht „An meine Schwester (Charlotte)“, geschrieben etwa 1822:

Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen ins Hühnerhäuschen,
Versteckten uns unter das Stroh.

Wir krähten wie die Hähne,
Und kamen Leute vorbei –
“Kikereküh!” sie glaubten,
Es wäre Hahnengeschrei.

Die Kisten auf unserem Hofe,
Die tapezierten wir aus,
Und wohnten drin beisammen,
Und machten ein vornehmes Haus.

Des Nachbars alte Katze
Kam öfters zum Besuch;
Wir machten ihr Bückling’ und Knickse
Und Komplimente genug.

Wir haben nach ihrem Befinden
Besorglich und freundlich gefragt;
Wir haben seitdem dasselbe
Mancher alten Katze gesagt.

Wir saßen auch oft und sprachen
Vernünftig, wie alte Leut’,
Und klagten, wie alles besser
Gewesen zu unserer Zeit;

Wie Lieb’ und Treu’ und Glauben
Verschwunden aus der Welt,
Und wie so teuer der Kaffee,
Und wie so rar das Geld! —

Vorbei sind die Kinderspiele,
Und alles rollt vorbei –
Das Geld und die Welt und die Zeiten,
Und Glauben und Lieb’ und Treu’.

Das Gedicht wurde von Erich Ferstl sehr schön vertont und es gibt auf Youtube eine hörenswerte alte Aufnahme von Esther Ofarim mit diesem Lied – hier – , in der bizarren Mode meiner Kindheit. Besonders die letzten Zeilen des Gedichtes gewinnen ungemein in der gesungenen Version.

Die Söhne spielen natürlich nicht Hühnerstall, ihnen würde auch das Beispiel dafür fehlen. Die Söhne spielen Einkaufserlebnisse nach. Gestern etwa konnte ich folgende Szene beobachten:

Sohn I: „Wollen wir Laden spielen?“
Sohn II: „Nein, Bioladen!“
Sohn I: „Na gut.“

Und dann spielten sie Bioladen, was man sich so vorzustellen hat, dass Sohn I entschlossen die Kasse plündert und Sohn II laut dazu „Bio! Bio!“ brüllt. Es bleibt natürlich vollkommen rätselhaft, was das mit der Wirklichkeit zu tun haben soll.


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