Wir feiern morgen den 3. Oktober. An diesem Tag ist, wie der kultivierte Bildungsbürger sicherlich weiß, der Hochzeitstag von Effi Briest, einer der bedeutendsten deutschen Romanfiguren. Es war nur bei unserem Volk der Dichter und Denker überhaupt vorstellbar, daraus einen Nationalfeiertag zu machen, eine ebenso erstaunliche wie lobenswerte nationale Leistung, auf die man zurecht stolz sein kann. Nur die Iren und Schotten haben, soweit ich weiß, vergleichbare Feiertage, den Dichtern Joyce und Burns gewidmet. Nebenbei und von der Bevölkerung eher nicht sehr stark beachtet wird hierzulande allerdings auch noch etwas gefeiert, das „Deutsche Einheit“ heißt. Die Fußgängerzonen sind aus diesem Anlass traditionell schon seit Tagen gesteckt voll mit jungen Menschen, die gerade bei drittklassigen Radiosendern Praktika machen und unschuldigen Passanten Mikrophone ins Gesicht halten, damit sie etwas zur deutschen Einheit sagen. Jeder muss dazu etwas sagen, ob er will oder nicht, und die meisten wollen nicht. Die Medien zelebrieren den Tag dennoch, ob das Publikum nun mitspielt oder nicht. Das gilt für Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsender und Onlinemagazine, alle leitartikeln ellenlang zur Einheit, es handelt sich mutmaßlich um die allerungelesensten und überhörtesten Druck- und Sendestrecken des Jahres. Am Ende wird es sogar Bloggern nicht anders gehen, wer weiß, die staatstragenden Pamphlete lagern vielleicht schon jetzt in den Entwurfsordnern. Und auch das wird dann niemand lesen wollen.

Ich schlage daher vor, sich kollektiv wieder mehr auf den eigentlichen und ursprünglichen Grund des Feiertages zu besinnen und alle Fragen zur deutschen Einheit ein für allemal abschließend mit dem berühmtesten Zitat des Vaters von Effi Briest zu beantworten: „Das ist ein zu weites Feld.“ Damit wäre das endlich geklärt, und niemand müsste dazu mehr etwas fragen, etwas sagen oder uns mit seiner Meinung, seinen Erinnerungen oder seinen Forderungen an die Zukunft auf den Geist gehen. Danke.


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