Das Telefon klingelt, der jüngste Sohn ist dran. Er ist erst zwei, er übt noch mit dem Telefon. Er übt auch einiges andere noch und ruft mich neuerdings oft an, wenn etwas gelingt. „Papa, Pipi macht!“ kräht es fröhlich aus dem Hörer. Ich arbeite in einem Großraumbüro. Ich finde, es muss nicht jeder Kollege mitbekommen, dass ich mit einem Kind über Pipi rede, immerhin werden wir dort für Arbeit bezahlt, nicht für Pädagogik. „Ja“, sage ich in möglichst seriösem Tonfall, „das klingt wie ein gutes Geschäft.“ „Papa?“ fragt der Sohn irritiert. Er ist sich nicht sicher, ob ich ihn verstanden habe, die Reaktion war ihm nicht euphorisch genug. „Pipi macht“, wiederholt er sicherheitshalber zehnmal nacheinander und fügt dann feierlich „auf Toilette“ hinzu. Ich antworte, dass es immer schön sei, so etwas zum Abschluss zu bringen und gratuliere ihm zum erfolgreichen Deal. Ich höre, wie er der Mutter im Hintergrund besorgt mitteilt, dass Papa komisch sei. Dann brüllt er in voller Lautstärke noch einmal „Pipi macht“ in den Hörer, vielleicht höre ich ja schlecht. Dann wiederholt er seine Worte einfach immer weiter in Endlosschlaufe. Mir werden die Kollegen jetzt zusehends egal, dieses Telefonat muss aufhören, ich habe schließlich noch etwas zu tun. Das Kind muss zufrieden gestellt werden, ich brauche eine freie Leitung, und zwar dringend. Ich sage ihm also, das es toll sei, das mit dem Pipimachen, Pipi ist super, ja. Ich höre ihn begeistert jauchzen, dann fragt er, ob ich auch schon Pipi gemacht hätte? Auf Toilette? Ja, sage ich, ich habe heute auch schon Pipi gemacht, und ja, auf der Toilette, in der Tat. Nicht am Baum, nein, heute nicht. Ganz toll, ja, fand ich auch, das macht wirklich Spaß. Der Sohn legt zufrieden auf, er fühlt sich endlich von seinem Vater verstanden. Was könnte schöner sein?

Die Kollegen sehen bemüht aus dem Fenster. Mein Leben ist auch nicht immer das einfachste.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.


%d Bloggern gefällt das: