Während ich meinen Staatsbürgerpflichten lustlos genüge und versuche, die Wirtschaftsnachrichten noch halbwegs zu verstehen, kommt Sohn I an meinem Schreibtisch vorbei und fragt, warum ich so stöhne. Ich sage ihm, dass irgendwelche Rating-Agenturen jetzt anscheinend Frankreich herabstufen wollen und dass mir die Nachrichten insgesamt auf den Wecker gehen. Der Sohn fragt nicht nach, ihm reicht noch die Erfahrung von gestern, als er seinen Vater gefragt hat, was eigentlich eine Bank ist und der ihn daraufhin des längeren eher wirr zugetextet hat und irgendwann plötzlich aufhörte, um hektisch etwas googeln zu gehen. Nein, Sohn I hält mir heute stattdessen ein Märchenbuch hin und ich greife dankbar zu. Ich kann beim besten Willen keine Wirtschaftsnachrichten mehr sehen, da tauche ich doch lieber ein in eine Welt, in der es noch um etwas geht, um gefräßige Wölfe etwa, um der Königin ihr Töchterlein oder auch um verbrannte Hexen, das ist doch etwas Reelles, zumindest im Vergleich zur Finanzkrise. Ich lese das Märchen vom Rumpelstilzchen. Sohn II kommt auch dazu, vier Kinderaugen sehen mich gebannt an. Das ist so wie es sein soll, das ist wie es immer war, ein Erzähler und verzauberte Zuhörer, für einen Moment genieße ich den alten Text und die Situation. Das hier, das ist die Wirklichkeit. Die Irrsinnssummen aber, die irgendwelche Staaten irgendwelchen anderen Staaten schulden, die sie wiederum Banken schulden, deren Bürgschaften dann die Staaten übernehmen, die sind doch eher Phantasiegebilde.

Ich lese also in Frieden von der Müllerstochter, die Stroh zu Gold spinnt, übrigens eine vergleichsweise anständige Möglichkeit zu Geld zu kommen, wie mir scheint. Anständiger als die Wetten gegen Währungen, sollte man meinen. Ich lese, bis ich zu der Stelle komme, wo die Tochter der Müllerin dem gierigen König in der zweiten Nacht schon wieder Gold produzieren soll, denn, so steht es da in dem Buch: „Sein Königreich war stark verschuldet und seine Schatzkammern waren leer.“ Ich stocke und lese den Satz dann noch einmal, die Söhne sehen mich irritiert an. Das gibt es doch nicht, denke ich, seit achtzehnhundertirgendwas kommen Wirtschaftsmeldungen in Märchen vor und die Staaten waren damals schon amtlich pleite? Kann es denn wirklich sein? Die Gebrüder Grimm als Vorläufer von Reuters? Ich rappel den Rest des Märchens hinunter bis sich das Rumpelstilzchen endlich mitten entzwei reißt und die anderen Figuren in Frieden weiterleben. Die Söhne sinken programmgemäß in die Kissen, ich gehe zurück zum Schreibtisch und lese den Grimmschen Originaltext in allen verfügbaren Quellen online und im Bücherregal nach. Kein Wort von Schulden, in keiner Ausgabe. Der König giert nach Gold, mehr steht da nirgendwo. Wir haben die anscheinend einzige Ausgabe der alten Märchen, in denen Staatsschulden vorkommen. Gedruckt in Jugoslawien, steht hinten drin, es hätte misstrauisch stimmen können.

Ich mache die Seite der FAZ im Browser wieder auf und lese tapfer im Wirtschaftsteil weiter. Es gibt für mich sowieso kein Entkommen.

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