Wenn man lange Zeit viel am Schreibtisch arbeitet und sich sehr wenig bewegt, seine Ernährung dabei aber nicht umstellt, kann dies zu einer Erhöhung des Körpergewichts führen. Ich kann diese These eindrucksvoll belegen. Und natürlich ist es mehr als zweifelhaft, ob ich in der Lage sein werde, die Kilos wieder loszuwerden, zumal es gerade Winter wird und jedes Gramm wärmt, da unterscheidet sich der Mensch nicht von Seelöwen. Das tut er übrigens auch figürlich nicht, sagt die Herzdame, sieht mich an und schüttelt den Kopf. Ich ignoriere das souverän, ich kam vom Schreibtisch eben nicht weg, das Geld muss nun einmal verdient werden. Ich nehme sozusagen im Auftrag der Familie zu, wenn ich es recht bedenke. Allerdings passen mir leider viele Sachen nicht mehr und ich beschließe daher, alles was knapp sitzt, klemmt und kneift endlich auszusortieren. Was soll ich mich noch weiter quälen, es ist doch eigentlich albern, dieses dauernde Baucheinziehen, Gerademachen und Durchstrecken, ich bin keine zwanzig mehr und muss noch Eindruck schinden. Bauch rein, Brust raus, das soll die Jugend machen, der steht es auch. Ich probiere reihenweise Hemden und Hosen an, Jacken und Mäntel, darunter Exemplare, die ich seit Jahren nicht in der Hand hatte. Den Schrank aufzuräumen hat etwas von Archäologie, man findet Dinge aus längst vergangenen Stilepochen und nicht alle würde man aus heutiger Sicht noch als Hochkultur bezeichnen. Ich sage nur Hawaihemd. Ich werfe alles auf einen Haufen, was nicht mehr passt. Ich mache kurzen Prozess. Ich habe es satt, mich noch zu verstellen, ich stehe ab sofort zu meiner, nun ja, Winterfigur. Ich bin gründlich bei der Auswahl. Alles, was auch nur ein wenig zwickt, fliegt raus, es fühlt sich sehr befreiend an. Ich trage ab sofort nur noch bequem.

Allerdings ist es jetzt ein ziemlich großer Schrank, nur für den einen Bademantel.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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