Zum Medienwandel im Kinderzimmer

Natürlich ist es eine spannende Frage, wie die Generation der Söhne auf die E-Books reagieren wird und welchen Einfluss die neue Technik auf ihr späteres Leseverhalten haben mag.  Sohn I zum Beispiel ist ein ausgeprägter Büchernarr. Er hat sehr viele Bücher, er liest enorm viel darin und er kann verblüffende Mengen der Texte auswendig,  da wächst klarerweise ein Buchmensch par excellence heran.  Er liebt Geschichten, er schätzt Reime.  Er denkt lange über das Gelesene nach und er zieht die Lektüre  etlichen anderen Beschäftigungen vor. Natürlich weiß er auch, dass ich einen E-Bookreader habe, also ein seltsames Gerät, mit dem man auch lesen kann, er nennt es „das komische Buch von Papa“.  Er hat auch schon verstanden, dass da manchmal Bilder drin sind, er kann das komische Buch ein und ausschalten, und er geht erstaunlich sorgfältig damit um. Ich habe mir Grimms Märchen auf den Reader geladen, und ich fand es spannend, wie Sohn I entscheiden würde. Die gute alte Druckausgabe, das Buch noch aus der Kindheit der Herzdame mit den kitschigen Illustrationen im Geschmack der Siebziger Jahre? Oder doch lieber das schicke neue Gerät mit den verlockenden Tasten?  Haben Bücher, also echte, gedruckte Bücher überhaupt noch eine Chance bei den Nachwuchslesern, wenn sie die modernen Alternativen erst kennen?

Sohn I brauchte nur einen Tag, um auf die optimale Ausnutzung aller Ressourcen zu kommen. Er kam mit dem alten Märchenbuch und dem E-Bookreader gleichzeitig zum Sofa.  Er schaltete das Gerät an, drückte es mir in die Hand, sagte „Rotkäppchen bitte, Papa“ und setzte sich dann neben mich. Schlug das Buch auf, suchte die Bilder zu Rotkäppchen, zeigte mit dem Finger auf die erste Darstellung und winkte mir zu: „Jetzt lesen.“ Und ich las vom E-BookReader vor, während er neben mir im alten Buch blätterte und sich die Bilder zu meinem Text ansah.  Zwischendurch lehnte er sich weit zurück und hielt das Buch gegen die Decke, während ich normal sitzen blieb und weiterlas. Er kann jetzt nämlich herumhampeln wie er will,  und er kann dennoch dabei die Bilder sehen und gleichzeitig die Geschichte hören, er hat ganz alleine die Entkoppelung von Text und Bild erfunden, oder aber die Multimediaperformance, es ist nur eine Frage des Standpunktes.  Er wird schon das Beste aus all den Möglichkeiten machen, nehme ich an, er macht es ja jetzt schon, und er ist erst vier Jahre alt.

Klar ist jedenfalls:  Rotkäppchen wird auch diesen Medienwandel noch souverän überleben, da muss man sich wenig Sorgen machen.