„Schere, Stein, Papier“, das ist eines dieser Spiele, ohne die eine Kindheit in Deutschland wohl gar nicht denkbar ist. Man kann es jederzeit spielen, überall, mit jedem, um alles oder um nichts. Über  das Spiel kann man einiges nachlesen, und tatsächlich lohnt es sich, das auch zu tun, etwa hier in der Wikipedia, das Thema ist abgründiger, als man vielleicht denkt. Da geht es unter anderem auch um die Erweiterung des Spiels um die Figur des Brunnens, eine Variante, die mir auch aus meiner Kindheit bekannt ist. Der Brunnen unterscheidet sich von den ersten drei Figuren dadurch, dass er gegen zwei andere gewinnt, nämlich gegen Schere und Stein, die beide hineinfallen. Schere, Stein und Papier gewinnen jeweils nur gegen eine der anderen Figuren, erreichen ein Unentschieden gegen sich selbst und verlieren auch nur gegen eine, bzw. gegen zwei, wenn der Brunnen mitspielt. Soweit dürfte das klar sein, nehme ich an. Wie man bei der Wikipedia sehr schön und mit Begründung nachlesen kann, ist es spieltheoretisch daher zum Beispiel niemals sinnvoll, den Stein zu wählen, wenn der Brunnen mitspielt. Hefte raus, erläutern Sie diese Theorie mit einer tabellarischen Darstellung. Ja, da werden Erinnerungen wach, Mathematik im 12. Jahrgang.

Und nun für Nichtmathematiker wie mich: Sohn I spielt Schere, Stein, Papier gerne gegen beliebige Erwachsene, und zwar in der Variante ohne Brunnen. Entgegen aller Logik nimmt er dabei als Figur aber stets nur den Stein, obwohl doch gerade bei dieser Spielart der Reiz im Wechsel der Figur liegen müsste. Gleiche Chancen bei allen Figuren, Spannung entsteht hier doch erst im wilden, unkalkulierbaren Wechsel. Aber nein, Stein. Jedes Mal Stein. Ist das Kind doof? Nein, im Gegenteil, das Kind ist ein Fuchs. Denn jeder Erwachsene, der mit dem Kleinen spielt, denkt sich nach dem dritten Stein, den Sohn I fröhlich mit gereckter Faust darstellt, dass dieses Kind wohl tatsächlich immer Stein nehmen wird. Bis zu dieser Erkenntnis hat der Erwachsene einmal gewonnen, einmal verloren und einmal unentschieden gespielt. Denn man nimmt natürlich immer eine andere Figur und nahezu jeder Erwachsene wird alle nacheinander abspulen, man spielt eben genau so, wie man es von früher kennt und sich erinnert. Erwachsener und Sohn haben also beide einmal gewonnen und einmal verloren, einmal war es unentschieden. Beim vierten Mal nimmt der Erwachsene aber die Schere, denn er weiß ja, dass das Kind den Stein nimmt und würde sich komisch vorkommen, dieses Wissen schamlos auszunutzen. Danach hat der Erwachsene keine Lust mehr, da der Sohn anscheinend gar nicht richtig mitspielt. Aber das Kind hat die Gesamtwertung gewonnen und geht als Sieger davon, die Faust triumphierend über den Kopf gereckt. Immer.

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