Eltern entwickeln sprachliche Besonderheiten, teils familiär, teils auch in größeren Rudeln. Was man etwa zu dem sagt, was in der Windel landet und nicht gut riecht, das variiert stark zwischen Klein- und Großgruppen, zwischen Landesteilen und Städten.  Ist „Kacka“ hier in Hamburg zum Beispiel ein ganz normaler Begriff, so kann es anderswo durchaus ein Wort sein, dem man in der Öffentlichkeit nur stirnrunzelnd begegnet und sich fragt, was für ordinäre Eltern da denn herumlaufen. Sprachliche Besonderheiten hängen aber auch an regionalen Besonderheiten, so wird hier etwa ein Drogeriemarkt oft pauschal als „Budni“ bezeichnet, weil diese lokale Kette die stärkste in der Stadt ist. Entsprechend wissen unsere Kinder gar nicht, wie andere Drogeriemärkte heißen, sie kennen nur Budni, zumal es nur bei Budni an der Kasse Lollis und Aufkleber gibt, und andere Märkte daher für den Einkauf gar nicht in Betracht kommen. In Österreich würden sie auf der Suche nach einem Budni aber vermutlich nicht weit kommen. Noch spezieller wird die Sprache, wenn es um lokale und zeitliche Eingrenzungen geht, ein Effekt, der etwa auftritt, wenn Budni einen Artikel im Sonderangebot hat, den dann alle Eltern in einem bestimmten Jahr kaufen, weil ihn alle brauchen. Zum Beispiel Kühlpads. Man braucht Kühlpads, um sie Kindern, die sich gestoßen haben, auf die lädierte Stelle zu legen. Kühlpads verhindern einerseits natürlich Schwellungen, sind andererseits aber auch einfach die moderne Antwort auf schlichtes Pusten. Pusten war damals, war Steinzeit, heute wird der Schmerz mit Tools behandelt, das passt viel besser in die hochtechnische Moderne, das merken auch Kinder.  Man kann trotzdem noch pusten, aber die meisten Kinder schätzen mittlerweile Kühlpads mehr.

Wenn man mehrere Kinder hat, die womöglich auch noch mehrere Freunde haben und wild durch die Wohnung toben, wie es bei uns regelmäßig der Fall ist, steht man bei dem erstbesten Rumms-Geräusch, dem kurz darauf ein wildes Geheul folgt, ganz reflexmässig auf, geht zum Kühlschrank und holt ein Kühlpad, um dann erst zu eruieren, worum es eigentlich geht. Man wird es ja doch in jedem Fall brauchen. Kinder, die Kühlpads kennen, also alle, bestehen in aller Regel bei jedem Wehwehchen auf feierlichem Kühlen, selbst dann, wenn sie das gar nicht aus den Fußballberichten am Wochenende von den Aufnahmen am Spielfeldrand kennen. Denn auch in Kindergärten wird stets jede noch so kleine Schramme hingebungsvoll gekühlt, als wäre dies das wichtigste Erste-Hilfe-Gebot aller Zeiten.

Man geht nun aber nicht zum Kühlschrank und holt ein Kühlpad, das auch so heißen würde, nein. Man holt einen Pinguin. Oder einen Eisbären. Oder eine Schneeflocke. Denn Kühlpads haben sinnige Formen und die Kinder bestehen natürlich auf dem gewohnten Muster.  Die Formen der Kühlpads unterliegen gewissen Moden. Märkte wie Budni oder auch Tchibo bringen jedes Jahr andere Modelle auf den Markt. Wir haben drei Pinguine im Kühlschrank, denn als wir Bedarf hatten, gab es gerade nur Pinguine.  Das sieht bei unseren Freunden im Stadtteil nicht anders aus, zwischen den Eiern und der Butter liegen überall die Pinguine, man kann in jeder Wohnung von Eltern vertrauensvoll zum Kühlschrank gehen und danach suchen. Man wird immer fündig.  Der Pinguin, Dein Freund in der Not. Bei den Eltern, die jetzt gerade ihr erstes Kind bekommen, ist es dann vielleicht wieder der Eisbär.

Nichteltern wundern sich natürlich, wenn sie bei uns zu Besuch sind, Sohn II vielleicht vom Tisch auf den Boden knallt, mit blutender Lippe brüllend und kreischend liegenbleibt und die Herzdame und ich gelassen zum Besuch sagen: „Moment, wir holen mal eben einen Pinguin.“ Denn wir wissen, was sie nicht wissen können: Ohne Pinguin kommen wir in solchen Fällen sowieso nicht weiter. Oder wenn ein Kind auf dem Spielplatz von der Schaukel purzelt, diese dann an den Hinterkopf bekommt und weinend Richtung Mama robbt, dann staunt keiner der herbeieilenden Elternteile, wenn die Mama laut fragt, ob jemand zufällig einen Pinguin dabei hat. Wir verstehen uns schon, wir Eltern.  Nur die Passanten, die zufällig gerade am Zaun des Spielplatzes vorbeigehen, sie stellen vielleicht kopfschüttelnd fest, dass Eltern wirklich ein sehr spezielles Völkchen sind.   Aber egal, damit kann man leben. Solange man diesen besonderen Sprachcode nur auf dem Spielplatz und in der eigenen Wohnung auslebt, und nicht gerade im Großraumbüro, solange sehe ich das nicht als Problem.  Die Schauplätze dürfen sich nur nicht vermischen.

Ich habe die seltsame Wahnvorstellung, dass ich eines Tages an einem Unfall vorbeikommen werde. Sehr viele Schaulustige werden Rücken an Rücken stehen und mir die Sicht versperren, irgendein Gemetzel von Blech und menschlichen Opfern wird zu bestaunen sein. Blaulichtgeflacker und schreiende Menschen, rennende Polizisten, umherhastende Feuerwehrmänner mit schwerem Gerät, die in Funkgeräte brüllen. Eine Szene wie in einem der Katastrophenfilme aus meiner Kindheit. Und ich sehe mich die Menge mit starken Armen teilen., wie es damals die männlichen Hauptdarsteller taten,  die zufällig ihren Arztkoffer dabei hatten und dann etliche Menschenleben retteten, ich sehe, wie ich mich nach vorne dränge und höre mich mit lauter, souveräner Stimme durch den Auflauf der Gaffer rufen: „Lassen sie mich durch, ich habe einen Pinguin.“

 

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