Im nordostwestfälischen Heimatdorf der Herzdame hing der Nebel in den letzten Tagen so wattedick über den Feldern, dass man mit Besuch schon gar nicht mehr gerechnet hat. „Wie seid ihr denn hergekommen“, fragt die Uroma erstaunt, als wir bei ihr in der Küche stehen, wo sie gerade Eintopf kocht. Wir haben von Nebel gar nichts gemerkt. Wir sind durch das Sonnenloch der Woche gefahren, Norddeutschland unter einem altgoldenen Laubteppich, ein unwirklich schönes Licht auf den abgeernteten Äckern, die taufeucht am späten Nachmittag glitzern. Die Sonne hinter dünnen Schleiern, ein ungeheurer roter Ball, der schnell fällt. Sohn II weint im Auto, weil ihm neuerdings schlecht wird beim Fahren. Sohn I weint, weil er krank ist, Fieber und Halsschmerzen. Er weint auch weil es dunkel wird, weil die Sonne weg ist, weil er nicht mehr rauskann, weil er jetzt draußen die Mühlen im Dunkeln nicht sehen kann, die fremden Mühlen nicht und die von Großtante Ilse auch nicht. Er ist jetzt so alt, dass er das Fieber merkt, bisher hatte es ihm nie etwas ausgemacht. Jetzt haut es ihn auf einmal komplett um, das kennt er noch gar nicht. Wir zählen auf, worauf er sich in Nordostwestfalen freuen kann, auf die Großeltern, die Urgroßeltern, den Hund, die Katzen, das Baumhaus, die Kühe bei Bauer Westermann und dass wir alle vier wieder in einem Bett schlafen werden. Er nickt bemüht. Im Dorf kommt uns Oma im Auto entgegen, sie fuhr zum Tierarzt, erfahren wir dann später. Eine der Katzen ist kurz vor unserer Ankunft überfahren worden, da war nichts mehr zu machen. Die tote Katze liegt im Kofferraum. Tote Katzen sind Sondermüll, die Entsorgung kostet extra, es ist billiger, sie im Garten zu vergraben, erzählt sie. Das wusste ich auch nicht. Aber natürlich müssen Katzen sowieso im Garten beerdigt werden, was denn sonst. Sohn I ist farblich von Milch nicht mehr zu unterscheiden, er fragt vorsichtig nach, ob die Katze richtig tot ist, also so ganz richtig. Ja. Er hat 39 Fieber, er gehört ins Bett. Er zählt beim Ausziehen murmelnd auf, wer noch alles gestorben ist, der alte Hund von Oma, der andere Hund der anderen Oma, und Jesus auch, nicht wahr? Ja.

Wir bringen die Kinder ins Bett, das ist nicht ganz einfach. Sohn II will weiterspielen und ist bester Laune, Sohn I ist wehleidig und wirft in der Phantasie alles zusammen, was elend und traurig ist, in seinen heiser geflüsterten Monologen geht es um Tod und Unglück. Endlich haben wir die beiden Söhne durch gemeinsames Absingen von „Der Mond ist aufgegangen“ ausreichend sediert, vier Augen fallen allmählich zu. Da schreckt Sohn I noch einmal hoch und will wissen, wieso wir „eitel arme Sünder“ sind, wie es in dem Lied heißt. Ich versuche zu erklären. Menschen machen alle einmal Fehler, es gibt keine perfekten Menschen. Im Grunde ist es eine beruhigende Erkenntnis, wir taugen alle nichts. Ich drücke es natürlich freundlicher und kindgemäß aus. Sohn I sagt, dass er das jetzt verstanden hat und endlich schlafen will. Ja.

Am nächsten Morgen ist das Fieber noch höher, Sohn I kämpft sich dennoch in seine Jacke und will kurz raus, um zuzusehen, wie Oma das Loch für die Katze gräbt. Das ist gar nicht so einfach, hier ein Loch zu graben. Tonschichten im Boden, Wurzeln  im Boden, Steine im Boden. Oma gräbt verbissen. Sohn I hängt kraftlos wie eine Lumpenpuppe über dem Zaun neben dem Loch und sieht zu. Ich hole die tote Katze aus der Garage, Sohn I möchte sie noch einmal sehen. „Blut“, sagt er beeindruckt. Es ist nur ein kleiner Tropfen auf dem Fell, wir halten das Tier so, dass er die eigentlichen Verletzungen gar nicht sieht. Wir legen sie ins Loch, sie sieht aus, als würde sie schlafen. Sohn I sieht aus wie durchsichtig. Sohn II singt fröhlich „Alle meine Entchen.“ Ich frage Sohn I, ob er nicht lieber wieder ins Bett möchte? Ja.

Am Nachmittag fahre ich mit ihm einkaufen, mit vier Jahren kann man noch nicht den ganzen Tag im Bett liegenbleiben, das ist dann doch zu langweilig. Einkaufen muntert auf, denke ich, Einkaufen macht Spaß. Ich mache kurz das Autoradio an, wir wollen Musik hören. Ein Sprecher sagt gerade  „…die Häuser wurden im Krieg zerstört…“ Ich schalte weiter, aber zu spät. Sohn I will jetzt sofort Krieg erklärt haben, warum man das macht und wer das macht und wann hier zuletzt einer war und wo genau und ob ich dabei war oder Oma vielleicht und wer alles dabei gestorben ist. Und wo genau die Bomben auf die Häuser gefallen sind, denn davon hat er auch schon einmal gehört, weiß der Kuckuck, wo das war. Ich hole tief Luft. „Kannst du mir das erklären?“ fragt der Sohn. Ja.

Über den Feldern zieht sich der Nebel zusammen, grauschwarz kommt uns der Abend  auf der Landstraße entgegen. Es ist November. „Es wird immer früher dunkel“, sagt der Sohn. Das hat er im Kindergarten gelernt, im Winter ist nur ganz wenig vom Tag übrig. „Und irgendwann wird es dann aber wieder heller, oder? Papa? Stimmt doch?“

Ja.

(Der November-Eintrag im letzten Jahr war auch nicht viel lustiger. Siehe hier.)


 

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