Vorratshaltung

Man soll Kinder nicht anlügen, das kann man in jedem Erziehungsratgeber nachlesen, so etwas tut man nicht. Wenn die Söhne mich im überaus geschickt vorgetäuschten Zustand der nahenden Entkräftung mit schwacher Stimme fragen, ob irgendwo etwas Süßes im Hause sei, dann empfiehlt es sich nicht, die Schokoladenvorräte zu leugnen, schon gar nicht, wenn die Söhne nur einen Schrank aufmachen müssen, um die ganze Pracht triumphierend selbst zu finden. Dann ist die Glaubwürdigkeit des Vaters erst einmal dahin und es dauert Wochen, wenn nicht sogar Monate, bevor man wieder in Ruhe und erfolgreich flunkern kann. Da man aber gelegentlich nicht umhin kann, gewisse Vorräte für Partys, Adventssonntage oder Weihnachten zu horten, muss das Problem der fragenden Kinder irgendwie anders gelöst werden. Mit etwas Nachdenken kommt man darauf, dass die Lösung zu diesem Problem nur im Verstecken liegen kann. Man stapelt alles an einem sicherem Ort, an den die Kinder nicht ankommen und sagt, wenn sie irgendwann nach Süßigkeiten fragen, nur lächelnd: „Seht doch einfach selber nach.“ Die Kinder öffnen alle ihnen bekannten Schränke, finden nichts und begnügen sich dann erwartungsgemäß leise knurrend mit der vorher raffiniert bereitgestellten Rohkost. Erziehung ist so einfach und macht Spaß. Man kann der Gier, der Zuckersucht und dem Beutehunger so leicht entgegenwirken, mir ist ganz unverständlich, warum nicht alle Eltern meine Methode benutzen. Sie klappt einwandfrei.

Es gibt nur zwei Nachteile bei der Methode. Einer liegt darin, dass ich selbst sehr wohl weiß, wo ich die Schokolade versteckt habe. Der andere Nachteil ist, dass ich noch gieriger als die Kinder bin. Obwohl das irgendwie auch wieder ein Vorteil ist. Denn sollten die Jungs das Versteck doch einmal finden, wird das gar nichts ausmachen – es wird sehr wahrscheinlich sowieso nichts mehr drin sein.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.