Es ist noch sehr früh am Morgen. Der Regen klatscht an die Balkontür, die kahlen Äste der Bäume auf dem Spielplatz unten rasseln im Sturm schaurig gegeneinander. Ich sitze am Schreibtisch und arbeite, die Herzdame schläft noch. Die Söhne kommen gähnend aus dem Kinderzimmer und fragen, ob heute vielleicht schon Weihnachten sei. Nein, sage ich, noch nicht. Aber Adventssonntag immerhin, jetzt kommt also wieder die Kerzennummer, wie in den letzten Tagen hinlänglich erklärt. Und später am Tag dann noch Kekse backen. Die Augen der Kinder leuchten. Sohn I geht zur Stereoanlage und legt eine Weihnachts-CD ein. Er schleift seinen Bruder ins Kinderzimmer, gemeinsam schleppen sie die Musikkiste ins Wohnzimmer. Stellen sie vor sich hin und stimmen sich flüsternd ab: „O Tannebaum, ja?“ Doppeltes Nicken, dann rufen sie mich. Die ersten Takte von O Tannebaum hallen durch den Raum, die Kinder neigen bei Musik zu einer gut wahrnehmbaren Lautstärke, damit sich auch die Nachbarn freuen können. Ich sehe mir gerührt die kleinen Engelchen an, die da im Schlafanzug mit wirren Haaren vor den Musikinstrumenten stehen, im Takt der Musik dezent schunkeln und mich erwartungsfroh angrinsen. Was für ein friedliches Bild, was für ein Klassiker. „Jetzt“, sagt Sohn I, stößt seinen Bruder an und die beiden greifen schön abgestimmt nach den Instrumenten. Dann prügeln sie sich nach Herzenslust um die gelbe und die blaue Flöte. Sohn I ist stärker, aber Sohn II kratzt und beißt, man kann kaum erkennen, wer gerade oben und wer unten liegt. Wenn Sohn II gerade kein Bein im Mund hat, dann brüllt er aus Leibeskräften „Tannebaum! Blätter!“

Ich setze mich wieder an den Schreibtisch. Ein Windstoß pfeift im Fensterspalt, vor mir dampft der Kaffee. Sohn I humpelt vorbei und holt schimpfend bessere Waffen aus dem Kinderzimmer. Es ist eine wunderbare Zeit, in der man viel mehr von der Familie hat.

Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und der Ostsee-Zeitung.

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