Währenddessen macht sich Sohn I tiefschürfende Gedanken über Religion. Das ist nicht weiter erstaunlich, immerhin wird das Bombardement mit entsprechenden Botschaften zu dieser Jahreszeit nicht unerheblich verstärkt. Er liest abends in seiner Kinderbibel, er möchte, dass ich ihm wieder und wieder die Geschichte von David und Grobian vorlese, denn das mit der Steinschleuder, das fasziniert ihn sehr. Er hat nach wie vor sehr eigene Vorstellungen von biblischen Namen. Ich kann noch so oft Goliath lesen, es kommt bei ihm einfach nicht an. Immerhin aber ist der Jussuf der Vorjahre jetzt auch für ihn zum Jesus geworden, als den man ihn allgemein kennt. Eine schwierige Figur, über die er sich viele Gedanken macht. Er konnte über Wasser laufen, das ist natürlich bemerkenswert, das geht ja glatt als Superkraft durch. Wie gut das ist, will er von mir wissen. Was antwortet man darauf, wenn man ernst bleiben möchte? Egal, denn bevor ich überhaupt antworten kann, ist mir das Kind schon gedanklich vorausgeeilt und stellt heikle Vergleiche zwischen Spiderman und Jesus an. Der eine geht über Wassser, der andere geht die Wände hoch, was ist da nun erstrebenswerter? Der eine hat Gott als Vater, über den Vater des anderen weiß man nichts, oder Papa? Der eine hat eine roten Umhang, zumindest in der Kinderbibel, der andere ein deutlich schickeres Kostüm, da gibt es nichts. Aber er hat wiederum keinen Bart und lange Haare, was wegen der Piratenähnlichkeit aber klarerweise erstrebenswert ist. Doch Vorteil Jesus? Wie kommt man da je zum Schluss? Und warum gibt es bei H&M eigentlich alles mit Spiderman drauf, aber nichts mit Jesus? Was heißt denn das? Mit vier Jahren fängt man also an, sich die Welt selbst zu erklären, denke ich und höre seinen Ausführungen fasziniert zu.

Und während man als verwirrter Vater noch gedanklich an der ersten Frage festhängt, blättert der Sohn schon wieder in der Bibel zurück und zeigt auf die zwei Männer, die sich streiten. „Kain und Gabel“, sagt er und ich habe gar keine Lust mehr, seine falschen Namen zu korrigieren, er hört sowieso nicht zu. Soll er sie doch alle nennen, wie er will. Er fragt, welcher noch einmal der Böse war, und bevor ich etwas sagen kann, hat er es sich schon selbst beantwortet, der böse Bruder war natürlich Gabel, denn Kinder dürfen ja bis heute nicht mit Besteck spielen, daher!

Mit vier Jahren kann man sich die Welt schon ziemlich gut selbst erklären.

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